Zur Übersicht   Zum vorigen Kapitel   Zum nächsten Kapitel

Kapitel 2

Gemäß dem Schlüsselwort in Kapitel 1 (Offb. 1, 19) kommen wir bei der Betrachtung von Kapitel 2 und 3 der Offenbarung zum zweiten Teil, nämlich zu dem, was der Herr bezeichnet mit: ...und was ist. Es sind die Briefe, meistens Sendschreiben genannt, an die sieben Gemeinden in Kleinasien, die zur Zeit des Johannes bestanden und für die er sich, auch in der Verbannung, sicherlich noch verantwortlich fühlte. Diese Briefe sind dem Apostel Johannes von Jesus Christus persönlich diktiert worden. In seiner göttlichen Majestät gab er dem Apostel den Auftrag oder gar Befehl: Was du siehest, das schreibe in ein Buch und sende es zu den sieben Gemeinden. Sie sind die letzten persönlichen Worte des Herrn Jesus, die uns in der Bibel ganz sicher überliefert sind, und zugleich die einzigen, die er nach seiner Erhöhung auf den Thron Gottes direkt an seine Gemeinde, den Leib Christi, gerichtet hat. Die Offenbarung als Ganzes enthält deshalb mehrere Einzelheiten, die vorher nicht bekannt waren, aber jetzt eine wichtige Ergänzung zu anderen prophetischen Aussagen des Alten und des Neuen Testamentes darstellen, oder sogar deren Vervollkommnung. Den genauen Ablauf unseres zu Ende gehenden Zeitalters erfahren wir nur aus diesem letzten Buch der Bibel, insbesondere, da die Gemeinde als solche im Alten Testament nicht erwähnt wird.

Gemeinden gab es zur damaligen Zeit wohl schon in großer Zahl. Vielleicht einige Hundert und vermutlich auch noch größere, als die hier angeschriebenen, z. B. die Gemeinde zu Rom. Diese sieben Gemeinden sind jedoch typisch für die weltweite Gemeinde Jesu Christi zu allen Zeiten. In prophetischer Sicht sind es sieben Zeitabschnitte oder Epochen der Kirchengeschichte, die sich alle in genauer Reihenfolge der Sendschreiben nacheinander ablösen. Die damaligen Zustände in den sieben Gemeinden sind demzufolge in der geschichtlichen Entwicklung als vorherrschend in dem betreffenden Zeitabschnitt erkennbar. Es ist dies das gesamte Zeitalter der Gemeinde Jesu Christi, beginnend mit Pfingsten (Apg. 2) und dermaleinst endend mit der Entrückung oder Hinwegnahme derselben (1. Thess. 4, 13-18). So wird uns die Entwicklung der Kirche von der Zeit der Apostel bis in unsere Tage hinein nur in diesen Sendschreiben eingehend berichtet; Genaueres ist uns sonst nirgendwo in der Bibel überliefert. Wenn man außerdem noch berücksichtigt, daß der Blick des Sehers noch mindestens 1000 Jahre darüber hinausreicht, uns zudem ergänzend in Kapitel 12 eine Rückschau bis zu Adam gewährt wird, dann enthält die gesamte Offenbarung sogar 7000 Jahre Menschheitsgeschichte und den neuen Himmel und die neue Erde danach. Nirgendwo finden wir die Geschichte so zusammengefaßt.

Im Talmud, dem jüdischen Kommentar zur Thora, dem alttestamentlichen Gesetz, wird berichtet (Sanhedrin 97 a - 98 a):
Es sagte Rab Qattina:
Sechstausend Jahre wird die Welt bestehen und ein[tausend Jahre] zerstört sein; denn es heißt:
"Der Herr allein ist erhaben an jenem Tag." (Jes 2, 11).
Abaje sagte:
Zwei[tausend Jahre wird sie] zerstört sein; denn es heißt (Hos 6, 2):
"Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück; am dritten Tag richtet er uns
wieder auf, und wir leben vor seinem Angesicht." (Nach zwei Tagen, damit ist das Zeitalter der Gemeinde Jesu Christi gemeint, die Tage des Messias, Anm.).
Es gibt eine Lehre entsprechend Rab Qattina:
Ebenso wie beim Brachjahr ein Jahr in sieben brachliegt,
so wird die Welt tausend Jahre von 7000 Jahren brachliegen;
denn es heißt: "Der Herr allein ist erhaben an jenem Tag." (Jes 2, 11).
Und [die Bibel] sagt: "Ein Psalm. Ein Lied für den Sabbattag." (Ps 92, 1)
- ein Tag, der ganz Sabbat ist.
Und [ferner] sagt [die Bibel] (Ps 90, 4):
"Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist.".
(Damit ist insbesondere das Tausendjährige Friedensreich gemeint, Anm.).
Weiter wird berichtet:
In der Schule des Elijahu wird gelehrt:
Sechstausend Jahre wird die Welt bestehen: zweitausend der Wirrsal, zwei-
tausend der Tora, und zweitausend die Tage des Messias.
(Günter Stemberger, Der Talmud, Verlag C. H. Beck, München, Seite 228).

Unsere erste Zeitrechnung begann, als Gott zu Adam sprach: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. (1. Mose 3, 19).
Und in Psalm 90, einem Gebet des Mose, des Mannes Gottes, heißt es: Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. (Psalm 90, 12).

Die Zeit der Wirrsal, wie sie im Talmud genannt wird, sind die zweitausend Jahre vom Sündenfall Adams bis Abraham, dessen Nachkommen von Gott durch Mose das Gesetz, die Thora (bekanntere Schreibweise), erhielten. Daraufhin folgten zweitausend Jahre der Thora, also die Zeit von Abraham bis Jesus Christus, der etwa 4000 Jahre nach Adams Sündenfall als Mensch geboren wurde. So ist Jesus: wie Adam, welcher ist ein Bild des, der kommen sollte (Röm. 5, 14), jedoch vollkommen. Das schreibt der Apostel Paulus nur etwas weiter: Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung zum Leben für alle Menschen gekommen. (Röm. 5, 18). Die darauffolgenden zweitausend Jahre, die Tage des Messias, sind nun das Zeitalter der Gemeinde Jesu Christi, an dessen Ende wir uns gewiß heute befinden. Danach beginnt mit dem Wiederkommen Jesu in Herrlichkeit das Tausendjährige Friedensreich: So ist also noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. (Hebr. 4, 9).

Diese Zeitabschnitte von jeweils etwa 2000 Jahren werden daneben noch genannt: 1. Das Zeitalter ohne Gesetz (oder: vor dem Gesetz),
2. Das Zeitalter unter dem Gesetz (oder: des Gesetzes),
3. Das Zeitalter der Gnade (oder: des erfüllten Gesetzes).

In der Geschichtsliteratur wird davon ausgegangen, daß ein Weltjahr rund 2000 Jahre zählt und somit 12 Weltmonate zu je etwa 170 Jahren hat. Die drei letzten Weltmonate zu je etwa 170 Jahren bilden folglich eine Triade von ungefähr 500 Jahren, die eine kritische Phase der schöpferischen Umgestaltung des zu Ende gehenden Zeitalters oder der Epoche von rund 2000 Jahren darstellt. Die Bibel bestätigt uns, daß die Heils- und Weltgeschichte tatsächlich mit einer solchen Phase der Läuterung und Zubereitung verläuft. In der Mitte eines Weltjahres wird allgemein dessen Höhepunkt erreicht, demnach etwa in den Jahren 3000 v. Chr., 1000 v. Chr. und 1000 n. Chr., wie unten zu erkennen ist. Die Jahre der Umgestaltung waren etwa 2500 v. Chr., 500 v. Chr und 1500 n. Chr., ebenfalls unten ersichtlich. Die vergangenen Weltjahre geben dieses Bild von den folgenreichen Ereignissen:


Sündenfall Adams       Abraham wurde geboren   Jesus Christus wurde  
4007 v. Chr.           1999 v. Chr.            zu Bethlehem geboren  
                                               3.10.7 v. Chr. (v.    
                                               u. Z.)                

Henoch wurde von Gott  David wurde geboren     Aufruf zum 1.         
hinweggenommen nach    993 v. Chr.             Kreuzzug              
987 Jahren = 3020 v.                           nach Jerusalem am     
Chr.                                           27.11.1095 n. Chr.    

Noah begann zu         Babylonische Gefangen-  Reformation begann    
predigen               schaft (= captivitas    am                    
120 Jahre vor der      babylonica) begann 499  31.10.1517 n. Chr.    
Sintflut               v. Chr.                                       
= 2471 v. Chr.                                                       

= 1. Umgestaltung      = 2. Umgestaltung       = 3. Umgestaltung     




 
 

Die Sendschreiben an die sieben Gemeinden sind stets an die Engel, d.h. an deren Vorsteher gerichtet. Die Namen der einzelnen Gemeinden haben immer eine tiefsinnige Bedeutung und stellen damit einen bestimmten Zeitabschnitt der Kirchengeschichte dar, der oft allein schon an diesem Namen zu erkennen ist. Genau wie die Gemeinden damals einen Vorsteher hatten, so hat auch jeder Zeitabschnitt der nachfolgenden Gemeinden dann eine herausragende Persönlichkeit gehabt, durch die Gott in besonderem Maße wirken konnte. In der nachstehenden Auflistung ist ebenfalls die ungefähre Gemeindedauer angegeben, die sich leider meistens nicht auf das Jahr genau bestimmen läßt. Dennoch ist zuerst diese Übersicht angeführt:

Die Briefe haben folgenden Inhalt:
1. Vorstellung Jesu Christi,
2. Lob,
3. Ermahnung,
4. Rat,
5. Warnung,
6. Trost,
7. Verheißung.
Letztere gilt nur den Überwindern. Bei vier Gemeinden liegt eine Briefabweichung vor: Die Sendschreiben an Smyrna und Philadelphia enthalten keine Warnung. Es handelt sich also um vorbildliche Gemeinden. Den Briefen an Sardes und Laodicea fehlt das Lob. Beide Gemeinden sind mit ihrem Vorsteher tief gefallen. Jedes Sendschreiben ruft den Gläubigen zu: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wohl dem, der diesen Ruf beachtet und wirklich zu Herzen nimmt!

Die Betrachtung der sieben Sendschreiben erfolgt hier in prophetischer, zeit- und kirchengeschichtlicher Auslegung, wobei allerdings die seelsorgerliche Botschaft eher dem persönlichen Studium vorbehalten bleibt. Die nachfolgende Tabelle soll eine ergänzende Einführung und möglicherweise auch einen Anreiz dazu geben.


         1.          2.  Smyrna  3.         4.          5.  Sardes  6.         7.          
         Ephesus     (Offb. 2,   Pergamon   Thyatira    (Offb. 3,   Philadelph Laodicea    
         (Offb. 2,   8-11)       (Offb. 2,  (Offb. 2,   1-6)        ia         (Offb. 3,   
         1-7)                    12-17)     18-29)                  (Offb. 3,  14-22)      
                                                                    7-13)                  

1.       Jesus       Jesus       Jesus      Gottes      Jesus       Jesus      Jesus       
Vorstell Christus,   Christus,   Christus,  Sohn, der   Christus,   Christus,  Christus,   
ung      der Herr    der Ewige,  der        unbetrüglic der         "der       "der treue  
         seiner      der Sieger  oberste    he          allwiss.    Heilige,   und         
Jesu     Gemeinde    über den    und        Unterscheid Herr,       der        wahrhaftige 
                     Tod         gerechte   er zw. Gut  unterscheid Wahrhaftig  Zeuge"     
Christi:                         Richter    und Böse    et zw.      e", der                
                                                        Sein und    Allmächtig             
                                                        Schein      e                      

2.  Lob  Werke,      Werke,      Treue und  Werke,      Einige      Festhalten fehlt       
für:     Arbeit,     Treue       Glauben    Liebe,      werden       am Wort,              
         Geduld,     in Trübsal  am Ort     Dienst,     gelobt für  Jesus                  
         Hassen d.   und         der        Glauben,    ihren       nicht                  
         Bösen,      Verfolgung  Versuchung Geduld      Wandel      verleugnen             
         Lehre,                   und                                trotz                 
         Unterscheid             Verfolgung                         geringer               
         ung,                                                       Kraft                  

3.       Verlassen   keine       Dulden     Dulden von  Nahezu      keine      Selbstzufri 
Ermahnun der ersten              der Sünde  Hurerei     völligen               edenheit    
g        Liebe                   und        und         geistlichen            trotz       
                                 falscher,  Götzendiens  Todes                 völlig      
wegen:                           unmoralisc t                                  ungeistlich 
                                 her Lehre                                     en          
                                                                               Zustandes   

4.       "Gedenke,   "Sei        "Tue       Buße für    Stärke die  "Halte,    Laß dir     
Rat:     wovon du    getreu bis  Buße"      Übertreter; Sterbenden; was du     vom Herrn   
         gefallen    an den                              gedenke    hast, daß  wieder      
         bist"       Tod"                   Festhalten  an deinen   niemand    zurechthelf 
                                            an der      Anfang,     deine      en; "tue    
                                            Wahrheit    "tue Buße"  Krone      Buße"       
                                            für alle                nehme"                 
                                            anderen                                        

5.       Gericht     keine       Gericht    Tödliches   Plötzlich.  keine      Jesus       
Warnung: Jesu                    Jesu       Gericht     Gericht                Christus    
         Christi im              Christi    Jesu        Jesu                   wird die    
         Falle von               im Falle   Christi im  Christi im             Gleichgülti 
         Unbußfertig             von        Falle von   Falle von              gen         
         keit                    Unbußferti Unbußfertig Unbußfertig            ausspeien   
                                 gkeit      keit        keit                               

6.       Haß der     "Fürchte    fehlt      Keine       Die         Jesus      fehlt       
Trost:   bösen       dich vor               "andere     geistlich   Christus               
         Werke wird  keinem,                Last" für   Unbefleckte wird die               
         vom Herrn   was du                 die,        n werden    Feinde                 
         anerkannt   leiden                 die nicht   mit dem     demütigen,             
                     wirst";                der         Herrn sein   seine                 
                     Trübsal                Irrlehre                Gem.                   
                     begrenzt               folgen                  bewahren               

7.       Anteil an   Krone des   Anteil am  Macht, die  Weiße       Die        Die         
Verhei-  dem Baum    Lebens;     verborgene Nationen    Kleider;    Überwinder Überwinder  
         des Lebens  kein Leid   n Manna    zu          Name im      werd.     werden mit  
ßung:    im          von dem     und Stein  regieren    Buch des    Pfeiler    Jesus       
         Paradies    zweiten     mit neuem              Lebens      im Tempel  Christus    
         Gottes      Tode        Namen                              Gottes;    thronen     
                                                                    neuer                  
                                                                    Name                   



Zur besonderen Übersicht kann jedes Sendschreiben in folgende Abschnitte eingeteilt werden, die dann auch jeweils an diesen Randziffern leicht zu erkennen sind:

  1. Die Stadt selbst und ihre Bedeutung für die damalige Kulturwelt;
  2. Die christliche Gemeinde in der jeweiligen Stadt;
  3. Was der erhöhte Herr der Gemeinde zu sagen hat (= Inhalt);
  4. Die wichtigsten kirchen- und weltgeschichtlichen Ereignisse, die sich im Zeitraum des jeweiligen Gemeindezeitabschnittes zugetragen haben.

  5.  

     
     
     

Das erste Sendschreiben ist an die Gemeinde zu Ephesus gerichtet:

Dem Engel der, Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld und daß du die Bösen nicht ertragen kannst, und hast geprüft die, welche sagen, sie seien Apostel, und sind's nicht, und hast sie als Lügner erfunden, und hast Geduld, und hast um meines Namens willen Last getragen, und bist nicht müde geworden. Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust. Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse. Wer Ohren hat, der höre was der Geist den Gemeinde sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. (Offb. 2, 1-7).

Der Engel (griechisch: angeloV = angelos = Bote oder Gesandter) ist der Vorsteher der Gemeinde, heute würden wir sagen, der Gemeindeleiter oder Pastor. In so mancher Kirche, Gemeinde oder Versammlung (griechisch: ekklesia = ekklesia) geht es heute leider ebenso weltlich zu, als wäre fortan der Vorsteher der Gemeinde der Bürgermeister und nicht ein Bote Gottes. Oft sind die Verkündiger heute auch mehr Diplomaten als Zeugen. Anstatt klar und deutlich die biblische Botschaft zu bezeugen, ist man dagegen weithin zurückhaltend in Stellungnahmen zu lebenswichtigen Fragen der Gemeinde Jesu, denn man möchte es sich ja mit niemandem verderben.

Jesus stellt sich vor als: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern. Die Erklärung dazu hat uns Jesus ja ebenfalls selbst gegeben im vorigen Kapitel der Offenbarung: Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und die sieben goldenen Leuchter: die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden. (Offb. 1, 20). Nun kommen wir zur Beschreibung der Gemeinde nach der eingangs gegebenen Einteilung:

  1. Ephesus oder Ephesos (= EjhsoV), eine Küstenstadt in Karien, wurde am Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr. von den Ioniern unter Androklos als griechische Kolonie gegründet und besiedelt. Im Laufe der Zeit wechselte es jedoch mehrfach seine Besitzer. Ephesus lag in einer fruchtbaren Ebene, am linken Ufer des Flusses Ca·yster, etwa 5 km von der Stelle entfernt, wo dieses Gewässer in das Ägäische Meer mündet, das ein Teil des Mittelmeeres ist. Dieser Fluß Ca·yster ist etwa 130 km lang und heißt jetzt Bayindir. Die Stadt befand sich etwa 55 km südöstlich von Smyrna, dem heutigen Izmir. Ephesus hatte zunächst nur einen natürlichen Hafen, der jedoch immer mehr versandete. Deshalb erfolgte in der griechischen Zeit eine Veränderung der Stadt- und Hafenanlage, indem ein großer, künstlicher Hafen zusätzlich angelegt wurde.

  2.  

     

    Wie alle anderen Städte der insgesamt sieben Sendschreiben der Offenbarung gehörte auch Ephesus zur Zeit des Apostels Johannes zur römischen Provinz Asia. Mit Asien bezeichnete man im engeren Sinne die Griechenland gegenüberliegenden Gebiete Kleinasiens (Asia minor), aus denen dann 133-129 v. Chr. die römische Provinz Asia gebildet wurde. Alle in der Offenbarung erwähnten Städte lagen im Westen dieser Provinz, also im Westen der heutigen Türkei. Nach dem Sieg von Malazgirt oder Mantzikert im Jahre 1071 n. Chr. drangen die Türken in Kleinasien bis ans Mittelmeer vor. Dieses Gebiet bildete dann den Kern des späteren Osmanischen Reiches, als dessen Rest die moderne Türkei übriggeblieben ist. Die zu Anfang dieses Jahrhunderts geplante völlige Aufteilung der Türkei wurde damals durch Deutschland und England verhindert.

    Ephesus hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich, in der es einige Male zerstört wurde, mehrfach den Besitzer wechselte, wieder aufgebaut wurde, dann allerdings ganz unterging. Die Stadt wurde von Krösus, dessen Name lautet auf Griechisch: krwisoV (= Kroisos), König von Lydien, der von 560-546 v. Chr. herrschte, erobert und kam so unter lydische Herrschaft. Nachdem Medien im Jahre 552 v. Chr. von den Persern erobert worden war, kam es zu Konflikten zwischen Lydien und Persien um 547/546 v. Chr., die im Jahre 546 v. Chr. mit der Niederlage Lydiens endeten. Krösus, der im Kampf gegen Kyros oder Cyrus II. (560-529 v. Chr.) unterlag, wurde zwar zunächst zum Feuertod verurteilt, dann aber begnadigt und als Satrap (= Provinzstatthalter) der nun selbständigen Provinz Lydien eingesetzt.

    Im Jahre 334 v. Chr. eroberte Alexander der Große die Stadt von den Persern und stellte die Demokratie der griechischen Polis (= Bezeichnung für den griechischen Stadtstaat) wieder her. In den sogennanten Diadochenkriegen (bis 280 v. Chr.) der Nachfolger Alexanders des Großen war Ephesus öfters umkämpft. Diadochen ist griechisch und bedeutet: Nachfolger durch Übernahme. Seit etwa Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. stand Ephesus unter römischem Einfluß. Im Jahre 88 v. Chr. kam es dann auf Veranlassung von Mithridates VI. Eupator Dionysos (132-64 v. Chr.), König von Pontos seit 111 v. Chr., zum berüchtigten Blutbad von Ephesus, bei dem dann 80 000 Römer und Italiker getötet wurden.

    Unter Augustus (Caesar Augustus Octavianus), dem römischen Kaiser (23.9.63 v. Chr. - 19.8.14 n. Chr.), Kaiser seit 27 v. Chr., entwickelte sich Ephesus dann zur wichtigsten Stadt der Provinz Asia, da es am Hauptweg von Rom nach dem Osten lag. Die Stadt fungierte so als Bindeglied zwischen Ost und West und als Knotenpunkt der Land- und Seewege. Ephesus war eine sehr wichtige Stadt des Altertums und hatte bereits eine lange Geschichte hinter sich, als es unter den Römern die Hauptstadt von 16 Provinzen in Asien wurde. Im Jahre 17. n. Chr., in der Zeit des Tiberius (Tiberius Claudius Nero, nach seiner Adoption: Tiberius Iulius Caesar), römischer Kaiser (16.11.42 v. Chr. - 16.3.37 n. Chr.), Kaiser von 14 n. Chr., wurde Ephesus durch ein Erdbeben schwer heimgesucht, wie auch andere Städte in Kleinasien.

    Die Zerstörungen durch die Goten im Jahre 263 n. Chr. waren nicht von langer Dauer, denn bald danach wurde die Stadt wieder aufgebaut. Zwischen 630 und 640 n. Chr. fiel Ephesus erstmals in die Hände der Türken, doch dann wurde die Stadt im Jahre 1402 n. Chr. durch die wilden Mongolenhorden des Timur Lenk (= Timur der Lahme) (8.4.1336-18.2.1405 n. Chr.) schwer verwüstet. Allerdings kurze Zeit darauf, im Jahre 1426 n. Chr., abermals in Besitz genommen von den Türken, von denen es schließlich vernachlässigt wurde; später versumpfte es.

    Das verbliebene wüste Trümmerfeld liegt heute in der Nähe des Ortes Selcuk, neben einem Dorf, das Aja Soluk (ausgesprochen: Adscha Soluk) heißt, dessen Name entstanden ist aus: Hagios Theologos (= agioV JhwlogoV), auf Deutsch: "Heiliger Theologe", zur Erinnerung an den Apostel Johannes, ehrfürchtig erwähnt als "heiligen Theologen", der nach der Überlieferung dort begraben liegt.

    Der Name Ephesus bedeutet "die Liebende", kann aber auch mit "die Geliebte", "die Liebliche" oder gar mit "Luststadt" übersetzt werden, denn es war der Hauptsitz der Weltlust. Die Stadt war der Mittelpunkt des kulturellen und religiösen Lebens der damaligen Zeit. Unter römischer Herrschaft wurde Ephesus zum Schmelztiegel vieler Völker, zur Weltstadt und zum Tummelplatz vieler Religionen, magischer Kulte und okkulter Praktiken. Damals war es eine Stadt von etwa 200.000 Einwohnern und somit eine der größten im östlichen Mittelmeergebiet. In den neuen, künstlichen Hafen von Ephesus fuhren die großen griechischen und römischen Handelsschiffe ein, die mit Schätzen aller Art beladen waren. Direkt am Hafen wurde ein Teil dieser Waren in besonderen Schaukästen ausgelegt, was man als: de·igma = de·igma (griechisch, Schau oder Ausstellung) bezeichnete, ähnlich wie auf einer heutigen Mustermesse.

    Der griechische Geograph und Schriftsteller Strabon (= "Schieler") aus Amaseia (63 v. Chr. - 19 n. Chr.), bekannt durch sein Werk: "Geographika" (17 Bücher) schrieb damals, daß die Stadt sich jeden Tag zusehends vergrößerte. Sie war zur Zeit Jesu und dann auch noch während der Apostel Johannes sich dort aufhielt, eine der größten und wohlhabendsten Handelsstädte der damaligen Zeit und daher auch ein Zentrum der Geldwirtschaft, somit gewiß in etwa mit den heutigen Banken-Metropolen vergleichbar. Strabon schrieb dann darüber, jetzt wörtlich: Weithin erstrecken sich ihre Grenzen über das Land und weithin über das Meer, und jedem Bedürftigen vermag sie leicht zu genügen.

    Aber nicht nur Geld und tote Waren liefen in den Hafen von Ephesus ein, sondern auch Sklaven in großen Mengen wurden angelandet, die zuweilen an einem Vormittag zu Tausenden dort verkauft wurden. Auf der benachbarten Insel Delos seien an einem Tage 10.000 dieser unglücklichen Menschen wie altes Eisen feilgeboten worden, so berichtete Strabon. Bis zu 50 000 Drachmen (griechisch) oder Denare (römisch) wurden für einen "edlen" Sklaven geboten. Diese Münzen werden im Neuen Testament als "Groschen" (Luk. 15, 8-9) oder "Silbergroschen" (Matth. 18, 28; 20, 2; 22, 19) bezeichnet und waren der gewöhnliche Tagelohn eines Arbeiters.

    Arbeiten galt in Ephesus als Schande, denn dafür hatte man ja Sklaven genug. Darum war auch hier sprichwörtlich "Müßiggang aller Laster Anfang". So besaß es eines der großen Gymnasien, zu dessen Bodenbelag dreizehn verschiedene Marmorsorten verwendet wurden. Weiße Marmorsäulen trugen das Gebäude mit zwei Stockwerken, in deren herrlich geschmückten Hallen die schrecklichsten Laster heimisch waren. Das Wort Gymnasium kommt von dem griechischen: gumnoV = gymnos, auf Deutsch: nackt, und war bei den Griechen zunächst der Ort der Körpererziehung (Gymnastik), wo nackt geturnt wurde. Später dienten die Gymnasien vor allem dem allgemeinbildenden höheren Schulunterricht und wurden deshalb hinfort: gumnasiwn = gymnasion (auf Deutsch: Bildungsstätte) genannt.

    Seit der Zeit des Krösus von Lydien, der von 560-546 v. Chr. König war, stand das religiöse Leben der Stadt ganz unter dem Zeichen der Göttin der Fruchtbarkeit, von den Griechen Artemis und von den Römern Diana genannt, die in einem großen und schönen Tempel verehrt wurde, dem sogenannten Artemision oder Artemisium, bzw. der Tempel der Diana. Dieser diente, wie alle griechischen Tempel, dem öffentlichen Leben, zugleich als Kultstätte, Museum und einer Art Bankinstitut, da die Tische der Geldwechsler ebenfalls dort untergebracht waren. Diese Unsitte hatten die Juden von den Griechen übernommen; davon ist in den Evangelien zu lesen: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jes. 56, 7): "Mein Haus soll ein Bethaus heißen"; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. (Matth. 21, 12-13, siehe auch Mark. 11, 15-16; Luk. 19, 45-46 und Joh. 2, 14-16).

    Wie wir noch sehen werden, war in dieser Kultstätte die Prostitution gesetzlich erlaubt und wurde sogar von den Priestern gefördert. Die religiöse Bedeutung von Ephesus gipfelte in dem Kult dieser Fruchtbarkeitsgöttin, mit vielen Brüsten dargestellt, von der eine Statue im Vatikan aufbewahrt wird.

    Ephesus war aber nicht nur wegen dieses Artemisiums berühmt, sondern es besaß zur Zeit des Apostels Johannes auch noch andere, ähnlich berühmte Tempel, die den göttliche Verehrung genießenden römischen Kaisern Claudius und Nero geweiht waren. Später kamen dann noch der Hadrian- und der Severus-Tempel hinzu. Auf dem Berg Pion befand sich das imposante Theater mit 66 Sitzreihen aus Stein, Platz genug für über 24 000 Menschen, allein auf diesen Steinsitzen. Die Ruine dieses Schauplatzes, wie er in Apg. 19, 29 im Luthertext von 1914 genannt wird, ist im letzten Jahrhundert ausgegraben worden und kann deshalb auch heute noch besichtigt werden. Dort fand die von dem Goldschmied Demetrius initiierte Protestkundgebung statt, wie sie uns in Apg. 19, 23-40 geschildert wird. In der Lutherbibel erklärt ist dieser Abschnitt überschrieben: Der Aufruhr des Demetrius.

    Zur Zeit, da der Apostel Paulus noch eine Weile in der Landschaft Asien blieb, wird berichtet: Es erhob sich aber um diese Zeit eine nicht geringe Unruhe über die neue Lehre. Denn einer mit Namen Demetrius, ein Goldschmied, der machte silberne Tempel der Diana und wandte denen vom Handwerk nicht geringen Gewinn zu. Dieselben und die Beiarbeiter dieses Handwerks versammelte er und sprach: Liebe Männer, ihr wisset, daß wir großen Gewinn von diesem Gewerbe haben ... (Apg. 19, 23-25). Daher wissen wir, daß es dort auch eine berühmte Goldschmiedezunft gab, die in der ganzen Landschaft Asien und dem Weltkreis bekannt war, genau wie die Diana von Ephesus, deren Souvenirs sie verkauften.

    Dieser Demetrius beklagte sich nun öffentlich darüber, daß seine Geschäfte als Andenkenverkäufer rückläufig waren, seit die Nachfrage nach Artemis-Statuetten und der silbernen Tempel-Nachbildungen auf Grund der Predigten des Apostels Paulus stark gesunken war. Seine durchaus engagierte Rede bewirkte, daß Gajus und Aristarchus aus Mazedonien, die Begleiter des Paulus, von der aufgebrachten Menge ergriffen wurden. In der Apostelgeschichte wird dieses tumultartige Geschehen dann so berichtet: Und die ganze Stadt ward voll Getümmel; sie stürmten aber einmütig zum Theater und ergriffen Gajus und Aristarchus aus Mazedonien, des Paulus Gefährten. Da aber Paulus wollte unter das Volk gehen, ließen's ihm die Jünger nicht zu. (Apg. 19, 29-30).

    Außerdem war Ephesus das Zentrum des Okkultismus und Aberglaubens. Das Volk trieb Zauberei und lebte in der Furcht vor den Dämonen. Wie in Apg. 19, 13-20 berichtet wird, trieben dort auch jüdische Magier und Geisterbeschwörer ihr Unwesen, die "im Namen des Jesus, den Paulus predigt" Besessene heilen wollten. Dieser Bericht stellt vor Augen, auf welche "Mächte" der Apostel Paulus gerade im Epheser-Brief vielfach anspielt (Eph. 1, 21; 2, 2; 3, 10; 6, 11-12).

    Einige Inschriften an ausgegrabenen Mauerresten bestätigen in der Tat, was der Apostel Paulus im Epheser-Brief andeutet: Die Bewohner der Stadt müssen sehr abergläubisch gewesen sein. Das kann man aus dem schließen, was Paulus den Gläubigen unter ihnen schrieb: So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln dürft, wie die Heiden wandeln in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Versand ist verfinstert, und sie sind fremd geworden dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, durch die Verstockung ihres Herzens; in ihrem Gewissen sind sie stumpf geworden und ergeben sich der Unzucht und treiben jegliche Unreinigkeit voll Habgier. (Eph. 4, 17-19).

    Ephesus war eine Stadt, wo sich in ganz besonderer Weise Kräfte der Finsternis in Zauberei, Beschwörung und dergleichen offenbarten. Hier, wo Satan nicht geringe Dinge tat, war es doppelt nötig, daß Gott seine Übermacht über alle dämonischen Kräfte kundmachte. ... (A. Christlieb).

    Der ursprüngliche Tempel wurde zur Zeit des Krösus von Lydien, der von 560-546 v. Chr. herrschte, um etwa 550 v. Chr. von Chersiphron und Metagenes erbaut und im Jahre 356 v. Chr. von Herostratos angezündet, nach der Überlieferung am Tage der Geburt Alexanders des Großen. Durch diese Brandstiftung sollte sein Name in die Geschichte eingehen, daher sagt man heute manchmal sprichwörtlich: herostratische Tat, womit eine von verbrecherischem Ehrgeiz beseelte Handlung gemeint ist. Man könnte ebenfalls sagen, Herostratos oder Herostrat war ein Verbrecher aus Ruhmsucht. Allerdings wurde das Artemision oder Artemisium bald darauf noch schöner wieder aufgebaut und dadurch das Heiligtum der Epheser erneuert und in einen Zustand versetzt, wie es niemals zuvor war. Die Epheser ließen sich den Bau ihres Tempels sichtlich allerhand kosten und nichts war ihnen zu teuer dafür, um ihrer Göttin eine ihrer Meinung nach angemessene und würdige Anbetungsstätte für alle Zeiten zu errichten.

    Dieser Tempel der Artemis oder Diana war ein großartiger Bau, der 130 m lang, 67 m breit und von 127 Säulen aus weißem Marmor umgeben war. Jede dieser Säulen war 18 m hoch und aus einem Stück. Das Artemisium von Ephesus galt als eines der Sieben Weltwunder des Altertums. Von beiden Bauphasen sind auch heute noch Reste erhalten. Bei Ausgrabungen wurden auch einige kostbare Weihegaben gefunden, die als Bauopfer unter dem Fußstück jenes Standbildes verborgen lagen, das in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnt wird: Da aber der Kanzler das Volk beruhigt hatte, sprach er: Ihr Männer von Ephesus, wo ist ein Mensch, der nicht wisse, daß die Stadt Ephesus sei eine Hüterin der großen Göttin Diana und ihres Bildes, das vom Himmel gefallen ist? (Apg. 19, 35).

    Nach ihrem Artemiskult trug die Stadt den Beinamen: nhwkwroV = neokoros, auf Deutsch: Tempelbewahrerin, was jedoch Dr. Martin Luther in Apg. 19, 35 dann mit "Hüterin" übersetzt hat. Dieser Ehrentitel wurde ausschließlich durch römischen Senatsbeschluß einer Stadt verliehen, die zu Ehren des Kaisers einen Tempel errichtete und Spiele veranstaltete. Zur Zeit des Apostels Paulus wurde Ephesus durch einen Senat und eine Volksversammlung verwaltet, die ein Stadtschreiber leitete. Luther hat diesen aber in Apg. 19, 35 als "Kanzler" bezeichnet.

    Wer war nun eigentlich diese Artemis oder Diana? Ursprünglich war es sicherlich eine Fruchtbarkeitsgöttin, als Frau mit vielen Brüsten dargestellt, die später jedoch in der römischen Provinz auch als Jagd- oder Kriegsgöttin verehrt wurde. Kein Wunder, daß die großen Nachtfeiern im Monat Artemision (im März) in dem Lusthain des Artemistempels im Rausch der gemeinsten und widerlichsten Laster abgehalten wurden. Gewissenlose Priester rechtfertigten diese Unzucht und verbanden sie mit der Religion des Volkes. Sechstausend Mädchen, man beachte diese Zahl, sollen sich mit Leib und Seele an die Artemis der Epheser verkauft haben, und der Hurenlohn dieser Unglücklichen war eine der besten Einnahmequellen der Artemispriester.

    Sakrale Prostitution war in heidnischen Religionen beliebt und verlockend. Gott will und wir dürfen damit nichts zu tun haben, hat er doch schon Mose geboten: Es soll keine Tempeldirne sein unter den Töchtern Israel und kein Tempelhurer unter den Söhnen Israel. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des Herrn, deines Gottes, bringen aus irgendeinem Gelübde; denn das ist dem Herrn, deinem Gott beides ein Greuel. (5. Mose 23, 18-19).

    Damit haben wir ein Bild der Stadt zu entwerfen versucht, in die der Apostel Paulus die Botschaft von Jesus Christus, dem Gekreuzigten, getragen hat. Diese Arbeit wurde von Gott reichlich gesegnet und war deshalb nachhaltig von Erfolg gekrönt. Sowohl in der Apostelgeschichte, wie auch in den Briefen des Paulus, wird uns das berichtet, was auch in außerbiblischen Quellen oftmals bestätigt wird.

  3. Durch die erfolgreiche Tätigkeit des Evangelisten Apollos wurde eine gesegnete Vorarbeit für die Annahe des Evangeliums von Jesus Christus in Ephesus geleistet (Apg. 18, 24-28). Anschließend hat der Apostel Paulus zunächst drei Monate, dann noch zwei Jahre lang, dort gewirkt und die christliche Gemeinde gegründet (Apg. 19, 1-12). Die Gesamtzeit der missionarischen Tätigkeit des Apostels Paulus in Ephesus kann man seiner eigenen Aussage vor den Ältesten der Gemeinde entnehmen: Darum seid wachsam und denket daran, daß ich nicht abgelassen habe drei Jahre, Tag und Nacht, einen jeglichen mit Tränen zu vermahnen. (Apg. 20, 31). Später ernannte Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus zu seinem Nachfolger (1. Tim. 1, 3).

  4.  

     

    Laut dem Zeugnis des christlichen Altertums hatte nach ihm der Apostel Johannes seinen Wohnsitz dort. Nach dem Tode des Kaisers Domitian (96 n. Chr.) ist er aus seiner Verbannung dorthin zurückgekehrt. Daselbst ist er auch im Jahre 100 n. Chr. gestorben und begraben worden. Eusebius oder Eusebios, Bischof von Cäsarea (260-340 n. Chr.) schrieb in seiner Kirchengeschichte: Damals lebte noch in Asien der Apostel und Evangelist Johannes, den Jesus liebte, und leitete die dortigen Gemeinden, nachdem er nach dem Tode des Domitian von der Insel zurückgekehrt war, auf die man ihn verbannt hatte. Die Tatsache, daß Johannes in den Tagen des Trajan noch am Leben war, wird durch zwei Zeugen genügend bestätigt. (Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, III, 23). Ferner schrieb er: An diesem Tage wird der Herr mit Herrlichkeit vom Himmel kommen und alle Heiligen aufsuchen, nämlich: Philippus, einen der zwölf Apostel, der in Hierapolis entschlafen ist, mit seinen beiden bejahrten, im jungfräulichen Stande verbliebenen Töchtern, während eine andere Tochter, die im Heiligen Geiste wandelte, in Ephesus ruht, und Johannes, der an der Brust des Herrn lag, den Stirnschild trug, Priester, Glaubenszeuge und Lehrer war und in Ephesus zur Ruhe eingegangen ist, ferner den Bischof und Märtyrer Polykarp von Smyrna und den Bischof und Märtyrer Thraseas aus Eumenea, der in Smyrna entschlafen. (Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, V, 24). Später wurde die Verehrung der heidnischen Göttin Diana auf Maria, der Mutter Jesu, übertragen, die in Ephesus bei Johannes, allerdings vor seiner Verbannung, gelebt haben und auch dort gestorben sein soll (anscheinend nach Joh. 19, 26-27). Im Jahre 431 n. Chr. fand in Ephesus eine Synode (= griechisch) oder Konzil (lateinisch: concilium) statt, also eine Versammlung von hohen Kirchenführern, auf der Maria endgültig zur "Theotokos" (= JhwtwkoV), zur Gottesmutter, erklärt wurde.

    Der Engel oder Stern der Gemeinde zu Ephesus war Paulus, der Apostel, der etwa von 10-67 n. Chr. lebte. Paulus, lateinisch: "Der Kleine, der Geringe, der Niedrige" hieß zuerst Saul, hebräisch: "Der Erbetene; den die Eltern von Gott durch Bitten erlangten" oder Saulus (griechisch) und stammte aus Tarsus in Zilizien, früher auch Cilicien geschrieben (Apg. 9,11 und 13, 9). Mehrmals hat er Anspielungen auf seinen Namen gemacht: "Denn ich bin der geringste unter den Aposteln" (1. Kor. 15, 9); und: "Mir, dem Allergeringsten unter allen Heiligen ..." (Eph. 3, 8).

    Paulus hatte von seinem Vater das römische Bürgerrecht geerbt (Apg. 22, 28), war ein Sohn frommer und wohlhabender jüdischer Eltern, außerdem ein strebsamer Schüler, der von berühmten Männern zum Rabbiner ausgebildet wurde (Apg. 22, 3). Er bekämpfte als streng gesetzestreuer Pharisäer leidenschaftlich die Christen, bis er im Jahre 32 n. Chr. vor Damaskus in einer Vision von Jesus Christus persönlich den Auftrag erhielt, Juden und Heiden das Evangelium zu verkündigen (Apg. 9, 3-19). Nach Jahren der Besinnung in der Stille, teilweise in Arabien (Gal. 1, 17), begann er im Jahre 47 n. Chr. seine erste Missionsreise, die ihn auch nach Kleinasien führte (Apg., Kap. 13 und 14).

    Während seiner dritten Missionsreise verbrachte er über zwei Jahre in Ephesus, bis zum Sommer des Jahres 55 n. Chr. (Apg. 20, 31), geriet dort durch Verfolgungen in Lebensgefahr, mußte die Stadt verlassen und zog auf dem Landwege über Mazedonien nach Korinth. In dieser Stadt blieb er den Winter über, bevor er dann nach Jerusalem reiste, um am Pfingstfest teilzunehmen und den dortigen Heiligen die Geldsammlung seiner Gemeinden zu überreichen. Daß diese Fahrt nach Jerusalem für ihn Gefangenschaft und vielleicht sogar den Tod bedeuten würde, war Paulus wiederholt von Brüdern mit prophetischer Gabe offenbart worden (Apg. 20, 22-23; Apg. 21, 4 + 10-13).

    In der Apostelgeschichte wird uns sehr ausführlich über sein Ergehen in Jerusalem, seine Gefangennahme durch die Römer und später seine Fahrt nach Rom berichtet. Längst war es sein Wunsch, auch dort das Evangelium verkündigen zu können (Röm. 1, 15). Zwei Jahre lebte er in Rom in einer Art Untersuchungshaft mit Besuchserlaubnis, die er auch voll ausnutzte. Danach wissen wir nichts Genaueres mehr über ihn. Seine Briefe an Timotheus und Titus deuten darauf hin, daß er noch einmal frei wurde und u. a. auch Kleinasien besuchte. Unter Nero (Lucius Domitius Nero oder Claudius Drusus Germanicus), römischer Kaiser seit 54 n. Chr. (geb. 37 n. Chr. - Selbstmord am 9.6.68 n. Chr.), ist Paulus dann im Jahre 67 n. Chr. durch das Schwert hingerichtet bzw. enthauptet worden, und zwar, nach der Überlieferung der Gemeinde von Rom, gleichzeitig mit der Kreuzigung des Petrus.

  5. In der Gemeinde zu Ephesus sind es sieben christliche Tugenden, die der Herr Jesus nacheinander anerkennend hervorzuheben sucht. Dieses Lob hat er ihr ausgesprochen für:

  6. a) ihre Tätigkeit: Ich weiß deine Werke ...
    b) ihren Fleiß: ... und deine Arbeit ...
    c) ihr Ausharren: ... und deine Geduld ...
    d) ihre Gemeindezucht: ... und daß du die Bösen nicht ertragen kannst ...
    e) ihr Prüfungs- und Unterscheidungsvermögen: ... und hast geprüft die, welche sagen, sie seien Apostel, und sind's nicht, und hast sie als Lügner erfunden ...
    f) ihre Tragkraft: ... und hast Geduld, und hast um meines Namens willen Last getragen ...
    g) ihre Unermüdlichkeit: ... und bist nicht müde geworden.

    Dann kommt der berechtigte Tadel: Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Die Liebe zu Gott zeigt sich besonders auch in der Bruderliebe, wie der Apostel Johannes in seinem ersten Brief bestätigt: Verwundert euch nicht, meine Brüder, wenn euch die Welt hasset. Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. Wer nicht liebt, der bleibt im Tode. Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger, und ihr wisset, daß ein Totschläger nicht hat das ewige Leben in ihm bleibend. Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Meine Kindlein, lasset uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (1. Joh. 3, 13-18).

    Eine ähnliche Ermahnung hat uns der Schreiber des Hebräer-Briefes hinterlassen: Bleibet fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein, vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gedenket der Gebundenen als die Mitgebundenen und derer, die Trübsal leiden, als solche, die auch noch im Leibe leben. (Hebr. 13, 1-3).
    Je nach unserem Herzenszustand beurteilt der Herr auch uns:

    Wo die Liebe im Herzen erlischt und erkaltet,
    da nistet behende das Böse sich ein.

    Von derselben Entwicklung war auch die Gemeinde in Galatien gekennzeichnet, worüber der Apostel Paulus klagen mußte: Wie waret ihr dazumal so selig! Ich bin euer Zeuge, daß, wenn es möglich gewesen wäre, ihr hättet eure Augen ausgerissen und mir gegeben. (Galater 4, 15). Es ergeht ein mahnender Bußruf: Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Die ersten Werke werden uns in einer siebenfachen Kraftwirkung in der Apostelgeschichte gezeigt:
    a) die Zeugniskraft der ersten Jünger;
    b) die Anziehungskraft der wahren Menschen- und Sünderliebe;
    c) die Tragkraft der herzlichen Bruderliebe;
    d) die Glaubenskraft der erhörlichen Gebete;
    e) die Abstoßungskraft gegenüber dem Ungöttlichen;
    f) die Überwinderkraft in der Leidensfreudigkeit;
    g) die Lebenskraft gegenüber den Krankheits- und Todesmächten.

    Darum richtet sich auch an uns die Frage:

    Wo ist der ersten Christen Liebesfeuer?
    Wo ist die Einigkeit, wo ist die Harmonie?
    Wo ist die Opferwilligkeit, wo ist die Treue?

    Dann die drohende Warnung: Wo aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust. Die Gemeinde zu Ephesus hat nicht Buße getan, und so kam, was kommen mußte. Die Stürme der weltgeschichtlichen Erschütterungen haben das Licht ausgeblasen und der schöne Leuchter mußte dem Halbmond Platz machen. Zwischen 630 und 640 n. Chr. fiel Ephesus erstmalig in die Hände der Türken, von denen es später vernachlässigt wurde und daraufhin versumpfte.

    Wie schon erwähnt, liegt das verbliebene wüste Trümmerfeld nun neben einem Dorf, das Aja bzw. Adscha Soluk heißt, entstanden aus: Hagios Theologos (= agioV JhwlogoV), auf Deutsch: "Heiliger Theologe", zur Erinnerung an den Apostel Johannes, den "heiligen Theologen", der wahrscheinlich dort begraben liegt. Spätestens seit der Zerstörung ist in Ephesus keine christliche Gemeinde mehr, wie der Herr Jesus dem Apostel vorausgesagt hat. Aber, was noch ernster ist, unaufhaltsam ist die Kirche, abgesehen von einzelnen, meist örtlichen und vorübergehenden, zeitlichen Belebungen, auf dem Wege des Niederganges bis zu diesem Tage vorangeschritten, bis wir in dem siebenten und letzten Stadium, in dem von Laodicea, gegenwärtig in der Zeit des großen Abfalls angelangt sind.

    Das vom Herrn der Gemeinde noch einmal zuteil werdende Lob lautet: Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse. Die Nikolaiten waren eine bereits im ersten Jahrhundert auftauchende gnostische (= erkenntnismystische) Sekte, die sich durch sexuelle Zügellosigkeit hervorgetan hat. Sie waren ein schwärmerischer Kreis, bei dem sich die Gemeinschaft nicht nur auf das Vermögen, sondern auch auf die Frauen bezog. Der Kirchenvater Clemens von Alexandria (160-215 n. Chr.) berichtete, daß es eine Sekte der Nikolaiten gegeben habe, die sich nach dem in Apg. 6, 5 erwähnten Diakon Nikolaos nannte. Unter Berufung auf einen von ihnen falsch ausgelegten Ausspruch des Nikolaos: "Man muß das Fleisch mißbrauchen", verkehrten sie die christliche Freiheit in ihr vollkommenes Gegenteil, indem sie unter Preisgabe der eigenen Frauen einem skrupellosen, unzüchtigen und lasterhaften Leben frönten. - Nikolaos heißt "Volksbesieger"; nikaw = nikao = besiegen oder überreden und laoV = laos = Volk oder Laienstand. Die Nikolaiten waren Irrgeister und greuliche Wölfe, vor denen der Apostel Paulus schon bei seinem Abschied von der jungen Gemeinde von Ephesus prophetisch warnte: Denn das weiß ich, daß nach meinem Abscheiden werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden. (Apg. 20, 29).

    Was duldet und segnet die Kirche in unseren Tagen nicht alles in ihren Reihen. Es gibt homosexuelle Pfarrer, die mit ihren Partnern als "Ehepaar" eingesegnet werden, desgleichen lesbische Kirchenführerinnen, die nun offen ihre perverse Neigung eingestehen. Denn inzwischen hat eine Synode schon beschlossen, daß Schwule und Lesben in "ethisch verantworteten" Lebensgemeinschaften gesegnet werden können - jedoch nur ausnahmsweise im Gottesdienst. Noch gibt es, soweit bekannt, offiziell keine Tempeldirnen in den Kirchen; allerdings würde es durchaus dem großen Abfall unserer Zeit entsprechen, wenn es doch so wäre.

    Ein weiterer Aspekt sollte hierbei allerdings auch noch berücksichtigt werden. Nikolaos kann ebenfalls mit "Beherrscher des Laienstandes" übersetzt werden. Das könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Nikolaiten hier versuchten, einen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien zu machen und diese voneinander zu trennen. Sie predigten den "Geistlichen Stand", den Gott haßt, um dadurch die Laien oder das einfache Volk zu beherrschen, was die Gemeinde zu Ephesus auch haßte und verhinderte. Weil sie dieses Ansinnen entschieden unterbunden hatte, wurden sie von ihrem himmlischen Herrn dafür gelobt. Durch die Aufgabe des allgemeinen Priestertums, wie es die Bibel lehrt, entstanden nämlich die uns bekannten hohen geistlichen Würdenämter und schließlich das Papsttum selbst mit allen seinen weltlichen Machtansprüchen.

    Zum Schluß noch die dringende Aufforderung, die in allen sieben Sendschreiben ergeht: Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Paulus erklärte: Der Herr ist der Geist. (2. Kor. 3, 17). Dazu dann die selige Verheißung: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. Überwinden heißt: Alle Stürme und Winde des Lebens im Aufsehen auf Jesus unter die Füße zu bekommen, um dann als Überwinder über den Winden, wie ein Flugzeug über den Wolken, triumphierend schweben zu können. Die notwendigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Überwinderleben sind:
    a) die Wiedergeburt (Joh. 3, 3);
    b) der Glaube (1. Joh. 5, 4);
    c) die geistliche Waffenrüstung (Eph. 6, 10-20).

    Die Bezeichnung "Baum des Lebens" erhält ihre besondere Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die Septuaginta (= LXX), die griechische Übersetzung des Alten Testamentes, die Worte "Baum des Lebens" in 1. Mose 2, 9 (= Ez ha-Chaim) mit "Holz des Lebens" (= xulon thV zoeV = xulon tés zoes) übersetzt. Demnach ist der "Baum des Lebens" gleichbedeutend mit dem "Holz des Lebens", wie es auch im Luthertext von 1914 heißt.

    Die Anmerkung dazu in der Scofield-Bibel lautet: "Der Baum des Lebens" ist einer der vielen Hinweise auf das 1. Buch Mose, die wir in der Offenbarung haben. Um den gefallenen Menschen davon abzuhalten, von "dem Baum des Lebens" zu essen, trieb Gott ihn aus Eden hinaus und stellte die Cherubim an den Eingang, um den Weg zu diesem Baum zu bewahren (1. Mose 2, 9; 3, 22. 24). "Der Baum des Lebens" erscheint dreimal in Offb. 22 (VV. 2. 14. 19. [griechisch]), wo das neue Paradies beschrieben wird. In dem N.T. wird das Wort, das übersetzt wird "Baum" (griechisch: xulon = xulon, Anm.) von dem Kreuz gebraucht (Apg. 5, 30; 10, 39; 13, 29; Gal. 3, 13; 1. Petr. 2, 24). Durch den Tod Jesu an dem Baum kann die Menschheit ewiges Leben erhalten. Er "trug unsere Sünden an seinem eigenen Leibe auf das Holz". Alle diese Bibelstellen gehen zurück auf 5. Mose 21, 22-23, wo im hebräischen Text wiederum "Ez" (= Baum) steht.

    Das Schlüsselwort: Laß die erste Liebe nicht!

    Die Dauer der Gemeinde zu Ephesus (Zeitraum): etwa von 47-170 n. Chr., also 123 Jahre.

  7. Das Zeitalter der Gemeinde von Ephesus umfaßt zwei Abschnitte. Zunächst das apostolische Zeitalter, das von 34-100 n. Chr., dem Todesjahr des Apostels Johannes, dauerte. In dieser Zeitspanne hat der Siegeszug des Evangeliums seinen Anfang genommen, wie in dem Bericht über Christi Himmelfahrt vom Herrn Jesus vorausgesagt (Apg. 1, 8), und zwar:

  8. a) das Evangelium zu Jerusalem (Apg. Kap. 2 - 7);
    b) das Evangelium in ganz Judäa und Samarien (Apg. Kap. 8 - 12);
    c) das Evangelium bis an das Ende der Erde. Damals endete die Welt in Kleinasien (Apg. Kap. 13 - 16, 8), bzw. Griechenland, genauer Mazedonien (Apg. 16, 9 - Kap. 26), sowie Italien, insbesondere Rom (Apg. Kap. 27 + 28).

    Zum anderen das nachapostolische Zeitalter, das ungefähr von 100-140 n. Chr. dauerte. Dieses Zeitalter umfaßt:
    a) die Ausbreitung des Evangeliums im gesamten Römischen Reich;
    b) den Kampf zwischen Gesetz und Evangelium;
    c) das Auftreten der gnostischen Irrlehren vom ersten bis dritten Jahrhundert.

    In diese Zeit fällt der Brand von Rom und die durch den römischen Kaiser Nero ausgelöste Christenverfolgung im Jahre 64 n. Chr., die nur örtlich begrenzt war. Dann der jüdische Aufstand gegen die Römer ab dem Jahre 66 n. Chr., über den der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus sodann in seinem Buch "Der Jüdische Krieg" genaue Einzelheiten berichtet hat. Jerusalem wurde im Frühling des Jahres 70 n. Chr. durch den römischen Feldherrn Titus (37-100 n. Chr.), belagert, und am 10. August (= 9. Ab oder Aw nach dem jüdischen Kalender) noch desselben Jahres wurden der prachtvolle Tempel sowie die ganze Stadt zerstört. Der letzte Aufstand der Juden gegen die Römer fand später unter Bar Kochba in den Jahren 132-135 n. Chr. statt. Nach der seinerzeitigen totalen Niederlage der Juden wurde dann das Heilige Land entvölkert. Damit begann damals das "dritte Exil" der Juden, das erst in unseren Tagen, nach fast 2000 Jahren, zu Ende geht.
     

Das zweite Sendschreiben betrifft die Gemeinde zu Smyrna:

Und dem Engel der Gemeinde zu Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich weiß deine Trübsal und deine Armut - du bist aber reich - und die Lästerung von denen, die da sagen, sie seien Juden und sind's nicht, sondern sind des Satans Synagoge. Fürchte dich vor keinem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf daß ihr versucht werdet, und werdet Trübsal haben zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode. (Offb. 2, 8-11).

  1. Das griechische Wort "Smyrna (= Smurna)" entspricht dem deutschen Wort "Myrrhe" und bedeutet die "Bittere", auch übersetzt "Myrtenbaum" oder "Bitterkeit". Myrrhe ist das im Heiligen Land und in Arabien bekannte wohlriechende Harz, aus dem das Salböl der Priester bereitet wurde, und auch der Balsam, mit dem man die Toten vor Verwesung schützte; ferner wurde es als duftendes Rauchwerk verbrannt.

  2.  

     

    Smyrna, das heutige türkische Izmir, wurde ungefähr um das Jahr 1000 v. Chr. als griechische Kolonie von dem Thessalier Theseus gegründet (angeblich) und lag 55 km nordwestlich von Ephesus. Thessalien ist eine Landschaft im Nord-Osten Griechenlands, eine fruchtbare Ebene, allseitig von Gebirgen umschlossen. In vorgeschichtlicher Zeit war es das Durchzugsgebiet der einwandernden Griechenstämme, deshalb Ursprungsort vieler Mythen. Theseus, Sohn des Königs Aigeus, zog als Jüngling nach Athen. Im Alter aus Athen vertrieben, soll er in Skyros, einer Insel nordöstlich von Euböa, vom Felsen gestürzt worden sein. Kimon holte 475 v. Chr. die Gebeine des Theseus aus Skyros nach Athen. Dramen von William Shakespeare (Sommernachtstraum) u. a. handeln von ihm.

    Die Stadt Smyrna wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. ionisch und durch Alyattes, König von Lydien (um 605-560 v. Chr.), im Jahre 575 v. Chr. erobert und zerstört (Webster's Geographical Dictionary, bzw. Lexikon der Weltgeschichte). Anschließend plante Alexander der Große (356-13.6.323 v. Chr.) die durch die Lydier zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Da er aber nachher nicht mehr dazu kam, wurde dieser Plan von Antigonos I., der von 316-301 v. Chr. regierte, in Angriff genommen und hinterher von Lysimachos, einem der vier Diadochen (griechisch für: Nachfolger durch Übernahme - von Alexander dem Großen) ausgeführt, der von 301-281 v. Chr. regierte. Dieser baute die Stadt alsdann ungefähr 4 km südwestlich des alten Ortes wieder auf, und zwar nun mit geraden Straßen, großartigen Tempeln und einem Amphitheater. Smyrna wurde jedoch bald eine wichtige Handelsstadt und gleichzeitig ein erstrangiges Zentrum heidnischer Kultur und Religion. Auch noch unter den Römern hielt die wirtschaftliche Blüte der Stadt an.

    Die Stadt war zur der Zeit für ihre außergewöhnliche Schönheit und ihre großartigen Gebäude bekannt; ihr Hinterland war sehr fruchtbar. Dank ihres ausgezeichneten Klimas, ihrer strategischen Lage und der guten Wasserversorgung entwickelte sich Smyrna zu einer der wohlhabendsten Städte Kleinasiens. Als Hafen- und Handelsstadt in der römischen Provinz Asia am Ägäischen Meer war Smyrna natürlicher Endpunkt der alten Handelsroute durch das Tal des Hermos oder Hermus, der heute Gediz oder Sarabat heißt. Dieser Fluß ist etwa 300 km lang und entspringt im Gebirge südlich von Kütahya und fließt westlich bis er in den Golf von Izmir, dem damaligen Smyrna, mündet. Der Golf von Izmir ist allerdings heute stark verschmutzt durch die vielen Industriebetriebe, die sich in dieser Gegend befinden.

    Die Bezeichnung "Krone von Smyrna" scheint sich auf den Ring öffentlicher Gebäude auf der Spitze des Hügels Pagos bezogen zu haben, an dessen Hängen sich die übrige Stadt hinzog. Smyrna war damals eine freie Stadt und im Altertum berühmt für seine unerschütterliche Treue zu Rom. Lange bevor Rom zur Weltmacht geworden war, hatte es sich bereits auf seine Seite gestellt und von allen Städten des Ostens in ganz besonderem Maße Rom gegenüber Loyalität bewiesen. Als im Jahre 26 n. Chr. unter den Städten Kleinasiens ein Wettstreit darüber ausbrach, in welcher Stadt dem göttlichen Tiberius ein Tempel errichtet werden sollte, wurde diese Ehre schließlich Smyrna zuerkannt, das damit sogar noch Ephesus ausstach.

    Smyrna erhob insbesondere auch Anspruch darauf, der Geburtsort Homers zu sein, dessen Bildnis die Münzen der Stadt zierte. Zu seinen Ehren war damals ebenfalls das sogenannte Homereion errichtet worden, das zu den großartigen Bauwerken dieser Stadt zählte. Auf einer ihrer Münzen nahm Smyrna sogar den Ruhm für sich in Anspruch, die erste unter den Städten Asiens an Schönheit und Größe zu sein, was sie auch heute noch zum Teil zu sein scheint. Beim Zerfall des (ost-römischen) Byzantinischen Reiches kam Smyrna 300 Jahre lang unter die Herrschaft der Genuesen. Im Jahre 1402 n. Chr. ließ Timur Lenk (= Timur der Lahme) (8.4.1336-18.2.1405 n. Chr.) hier einen Turm aus Menschenköpfen errichten. Die Stadt wurde mehrmals durch Feuer fast zerstört, so zuletzt am 14.-15. September 1922. Trotz vieler Erdbeben, z. B. 1856 n. Chr. und noch im Jahre 1928, ist Izmir dennoch heute mit etwa 1,8 Millionen Einwohnern das zweitwichtigste Wirtschaftszentrum der Türkei. Die Industriebetriebe der Umgebung tragen mit dazu bei, daß der Golf von Izmir jetzt stark verschmutzt ist, da diese sehr große Mengen chemischer Substanzen in das Ägäische Meer einleiten.

  3. Wann die christliche Gemeinde in Smyrna entstanden ist, kann geschichtlich nicht nachgewiesen werden. Man kann aber mit großer Sicherheit annehmen, daß sie von Paulus während seines Aufenthaltes in Ephesus gegründet wurde (siehe Apg. 19, 10). Zur Geschichte dieser Gemeinde gehört auch die Erwähnung des berühmten Märtyrers dieser Stadt. Polykarp, der Bischof von Smyrna, erlitt am 23. Februar 155 n. Chr. den Märtyrertod.

  4.  

     

    Zu dieser Zeit fanden die öffentlichen Spiele in Smyrna statt, wobei die Stadt außerordentlich belebt und die Menge erregt war. Plötzlich wurde der Ruf laut: "Weg mit den Gottlosen; laßt uns Polykarp suchen!" Sicher hätte Polykarp entkommen können, doch, nach einer Traumvision von einem brennenden Kopfkissen, hatte er zu seinen Schülern gesagt: "Man wird mich lebendig verbrennen." Von einem jungen Sklaven, den man folterte, erfuhr man den Aufenthaltsort Polykarps, worauf er gefangengenommen wurde. Er befahl, daß denen, die ihn abholten, ein Festmahl bereitet würde und erbat sich selbst, als letzte Gunst, eine Stunde des Gebets. Nicht einmal der Polizeihauptmann (= Oberhauptmann, Apg. 23, 15 ff., Anm.) wollte, daß Polykarp sterben sollte. Auf dem kurzen Weg in die Stadt flehte er den alten Mann an: "Was ist schon dabei, 'Herr ist der Kaiser' zu sagen und ein Opfer darzubringen, wenn man dadurch vor dem Tode bewahrt bleibt?"

    Doch Polykarp blieb unerbittlich. Für ihn war nur Jesus Christus der Herr. Als er die Arena betrat, hörte er eine himmlische Stimme sagen: "Bleibe standhaft, Polykarp!" Der Proconsul (= ein gewesener Konsul der senatorischen Verwaltung = Landpfleger oder Landvogt, Apg. 13, 12, Anm.) stellte ihn vor die Wahl, den Namen Jesus Christus zu verfluchen und dem Kaiser zu opfern oder aber zu sterben. Darauf antwortete Polykarp: "Sechsundachtzig Jahre habe ich ihm gedient, in denen er mir nie etwas Böses zugefügt hat. - Wie kann ich den König, der mich errettet hat, verfluchen?" Als der Proconsul ihm mit dem Verbrennen drohte, erwiderte Polykarp: "Du drohst mir mit einem zeitlichen Feuer, das rasch erlischt, da du das Feuer nicht kennst, das die Gottlosen beim Jüngsten Gericht erwartet und sie auf ewig bestraft. Warum zögerst du noch? ..." (nach William Barclay, Offenbarung des Johannes, I., Seite 84, übersetzt aus dem Bericht von Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte, IV, 15, 11-24).

    Als Engel oder Stern der Gemeinde zu Smyrna käme vermutlich auf Grund seiner Frömmigkeit und seines Märtyrertodes der greise Bischof Polykarp in Frage. Da aber Polykarp, ein Jünger des Johannes, auf Grund kirchengeschichtlicher Berichte mehr zu einer Organisation neigte und nicht grundsätzlich gegen die Lehre der Nikolaiten war, scheidet er als Repräsentant des Gemeindezeitalters von Smyrna aus. An seine Stelle tritt, laut Überlieferung, Irenäus, Bischof von Lyon, Kirchenvater (140-202 n. Chr.), der 177 n. Chr. erwählt, seit 178 n. Chr. dieses Amt dort ausübte.

    Irenäus, auf Griechisch: eirhnaioV (= Eirenaios), stammte aus Kleinasien und war ein Schüler des Papias. Dieser Papias nun, Bischof von Hierapolis in Kleinasien (um 130 n. Chr.), war wiederum ein Schüler des Johannes, wie Polykarp. Irenäus gilt jedoch als der bedeutendste Theologe des 2. Jahrhunderts. Von seinen Schriften sei hier nur das Hauptwerk mit dem Titel: "Adversus haereses" = lat. "Gegen die Häresien" (Entlarvung und Widerlegung der Gnosis) erwähnt, eine sehr wichtige Quelle für die Kirchengeschichte seiner Zeit. Sein Grundgedanke, die beste Garantie der Rechtgläubigkeit sei die in der Gesamtkirche gebotene Tradition, war dann für die spätere Entwicklung des klerikalen Verständnisses wichtig. Die Wirkung seiner gegen die Gnostiker gerichteten, eher polemischen Argumentation war allerdings in späterer Zeit ziemlich gering, da die Philosophie in der Auseinandersetzung eine immer größere Rolle spielte.

    Schon im 2. Jahrhundert n. Chr. wurden die Bischöfe (diese Bezeichnung entstand von dem griechischen Wort: episkwpoV = episkopos = "Aufseher") über die Priester (vom griechischen Wort: presbuteroV = presbyteros = "Älteste") gestellt. Nach Ignatius oder Ignatios von Antiochia (in Syrien), dem Bischof und Kirchenvater, Schüler des Apostels Johannes, der im Jahre 110 n. Chr. in Rom hingerichtet wurde, mußten die Bischöfe wie Gott selbst verehrt werden, und in den Gemeinden durfte ohne ihre Zustimmung nichts getan werden.

    Die geistliche Beurteilung durch den erhöhten Herrn enthält keinen Tadel. Das zeigt uns doch, daß durch Trübsale und Nöte die Kinder Gottes geläutert und bewährt werden. Der Apostel Paulus bezeugte schon: Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen die nach dem Vorsatz berufen sind. (Röm. 8, 28).

  5. Der Engel der Gemeinde muß das Vertrauen seines Herrn genießen, Botschafter an seiner Statt zu sein. Er trägt aber auch gleichzeitig die Verantwortung, das ihm anvertraute Wort Gottes unverkürzt und ohne Abstriche gewissenhaft an die Gemeinde weiterzugeben. Dabei ist allerdings auch besonders seine Treue und Ausdauer erfordert. Versagt hierin der Botschafter, indem er Einschränkungen macht, so wirkt sich das sehr bald im Gemeindeleben aus. Die Gottesfurcht schwindet und das Interesse am Worte Gottes und an der Gemeinde sinkt dahin. Lauheit, Trägheit, Weltoffenheit, sowie Kritikgeist und Zersetzung sind die unausbleiblichen Folgen davon.

  6.  

     

    Es braucht dann niemanden zu wundern, wenn Gottesdienste und Bibelstunden wenig besucht sind, aber "fromme" Kaffeekränzchen jeder Art noch regen Zulauf finden. Üble Nachrede und mangelnde Offenheit aller Beteiligten üben alsdann ihr zerstörerisches Werk gerade an den echten Glaubensgeschwistern aus. Dadurch ins Abseits gedrängt, werden diese auch noch als engstirnig und kleinkariert betrachtet. Deren gutgemeinten Äußerungen, soweit sie in dieser Situation überhaupt möglich sind, stoßen oft sogar gerade beim Gemeindeleiter auf Ablehnung, besonders, wenn er es mit keinem verderben will. Wer jedoch ein ernstes Wort in aller Liebe nicht verträgt, sollte die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Der Apostel Petrus ermahnt uns deshalb: Haltet rein eure Seelen im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe und habt euch untereinander beständig lieb von Herzen, als die da wiedergeboren sind nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt. (1. Petr. 1, 22-23).

    Diesmal stellte sich der Herr vor mit den zeugnishaften Worten: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.Das sagte Jesus von sich indessen auch schon in Kapitel 1 (Offb. 1, 17-18). Ehe denn der allererste Lichtstrahl in das "tohu wabohu", d. h. in die Wüstenei, des Urzustandes dieser von Gott durch ihn geschaffenen Welt hineindrang, war Er. Das sagte ebenfalls bereits Mose in seinem Gebet: Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Psalm 90, 2). Der Apostel Paulus beschrieb seinen und unseren Herrn noch genauer: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborne vor allen Kreaturen. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Reiche oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. (1. Kol. 1, 15-16). Demnach steht er ebenso auch über allen unsichtbaren kosmischen Mächten.

    Die Auferstehung Jesu wird von Lukas wie folgt berichtet: Aber am ersten Tage der Woche sehr früh kamen sie zum Grabe und trugen die Spezerei, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein abgewälzt von dem Grabe und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und da sie darum bekümmert waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. Und sie erschraken und schlugen ihr Angesicht nieder zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier; er ist auferstanden. Gedenket daran, wie er euch sagte, da er noch in Galiläa war und sprach: Des Menschen Sohn muß überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. Und sie gedachten an seine Worte. (Luk. 24, 1-8).

    Der Bezug Jesu auf seine Auferstehung von den Toten ist ein Trostwort für die Gemeinde zu Smyrna, die Märtyrergemeinde. Vor seiner Kreuzigung sprach er zu seinen Jüngern über die Zukunft: Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal und werden euch töten. Und ihr werdet gehaßt werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele der Anfechtung erliegen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil der Unglaube wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig. (Matth. 24, 9-13). Dies ist ein Hinweis auf die Leiden der Märtyrer aller Zeiten, die durch viel Drangsal, Hunger, Not und Tod gegangen sind und noch gehen werden.

    Der Luthertext von 1914 lautet nun allerdings wie folgt: Ich weiß deine Werke und deine Trübsal und deine Armut (du bist aber reich), und die Lästerung von denen, die da sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind des Satans Schule. Mit diesen tröstlichen Worten läßt der erhöhte Herr die leidgeprüfte Gemeinde wissen, daß er an ihrem Ergehen regen Anteil nimmt. Jedoch fehlt im griechischen Text an dieser Stelle der Ausdruck "... deine Werke ..." - Der Vers beginnt mit den Worten: Ich weiß deine Trübsal ... . Der allwissende Herr kennt genau das Los seiner Gemeinde und kümmert sich liebevoll um das Leben eines jeden Menschen, für dessen Sünden er gestorben ist. Jesus weiß daher auch um deine und meine Trübsal, die doch sicherlich leichter als die des Apostels Paulus ist, der da schrieb: Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Kor. 4, 17-18).

    Die Armut der Christen in Smyrna hatte zwei Ursachen: Zunächst waren viele von ihnen Sklaven und gehörten gesellschaftlich zu den sozial unterprivilegierten Schichten des Volkes. Zum anderen drang der heidnische Pöbel in die Häuser der Christen ein und zerschlug und raubte alles, was sie besaßen, so daß sie arm und besitzlos ihr Dasein fristen mußten. Jesus tröstet sie aber mit den Worten: du bist aber reich. Trotz aller irdischen Armut war die Gemeinde reich an himmlischen Gütern, die unvergänglich sind. In der sogenannten Bergpredigt sagte er: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht nachgraben noch stehen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. (Matth. 6, 19-21).

    Paulus schreibt etwas weiter in dem oben erwähnten Brief: Und wir geben niemand irgendein Ärgernis, auf daß unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allen Dingen erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Mühen, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken; durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte; als die Verführer, und doch wahrhaftig, als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben. (2. Kor. 6, 3-10).

    Jakobus, einer von den leiblichen Brüdern des Herrn Jesus, ermahnt uns: Höret zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen auf dieser Welt, daß sie am Glauben reich seien und Erben des Reichs, welches er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? (Jak. 2, 5).

    Der erhöhte Herr Jesus setzt nun den angefangenen Satz fort mit den Worten: ... und die Lästerung von denen, die da sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind des Satans Synagoge. In der Provinz Asien lebte eine überaus einflußreiche, alteingesessene Judenschaft. Als diese Provinz in auffallender Weise Erfolgsgebiet der christlichen Mission wurde, flammte die Feindschaft der Juden gegen die Christen auf, so daß sie die Anstifter der Christenverfolgung in Kleinasien wurden. Diese Juden suchten alsdann die Christen bei den Behörden in der übelsten Weise zu verleumden und dieselben gegen sie aufzustacheln. Immer wieder lesen wir in der Apostelgeschichte, wie die Juden die Obrigkeit gegen die Christen aufzuhetzen versuchten, die das Evangelium verkündigten, und zwar:
    a) in Antiochien (Apg. 13, 50),
    b) in Ikonien (Apg. 14, 2 + 5),
    c) in Lystra (Apg. 14, 19),
    d) in Thessalonich (Apg. 17, 5).

    Die Juden waren im allgemeinen stolz auf ihre Abstammung, sowie auch auf ihre Tradition und brüsteten sich, Abraham zum Vater zu haben. Jesus aber mußte sie dann, noch während seines Erdenwandels, diesbezüglich korrigieren: Ich weiß wohl, daß ihr Abrahams Kinder seid; aber ihr sucht mich zu töten, denn mein Wort findet bei euch keinen Raum. Ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe; und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Spricht Jesus zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so tätet ihr Abrahams Werke. ... Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eignen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. (Joh. 8, 37-39 + 44-45).

    Auf Grund ihres haßerfüllten Verhaltens den Christen gegenüber bezeichnet der erhöhte Herr diese Juden als ... des Satans Synagoge, d. h. Versammlung. Daran sehen wir, daß man bei aller Werkgerechtigkeit, Gläubigkeit und Frömmigkeit, trotz eines aktiven religiösen Lebens voller Hilfsbereitschaft, doch dem Teufel dienen und sogar schlußendlich verlorengehen kann.

    Fürchte dich vor keinem, was du leiden wirst! Mit diesen Worten tröstet der Herr Jesus die leidgeprüfte Gemeinde und ermutigt sie, nicht zu verzagen angesichts der kommenden Not. So wird sie daran erinnert, wenn die angekündigte Trübsal dann eintritt, daß der Herr es ihr vorausgesagt hat.

    Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf daß ihr versucht werdet, und werdet Trübsal haben zehn Tage. Mit dem Wort "siehe" wird in der Bibel immer unsere besondere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß die nachfolgende Aussage keinen Zweifel zuläßt. Auch hier wird die bedrängte Gemeinde zu Smyrna zur vermehrten Wachsamkeit aufgerufen, da für sie die Gefahr besteht, daß der Teufel etliche ins Gefängnis werfen wird. Unter Zulassung Gottes werden sich gottlose Menschen bereitfinden, diesen schmählichen Judasdienst zu übernehmen. Über diese von Gott gewährte Anzahl darf jedoch der Teufel nicht hinausgehen, da es hier auf "etliche" beschränkt ist. Der Herr wacht sorgfältig über alle Gotteskinder und läßt nicht zu, daß sie mehr erleiden müssen, als sie zu ertragen vermögen.

    Weiter heißt es nun in unserem Text: ... auf daß ihr versucht werdet. Das entsprechende griechische Wort: peirasJhte = pe·irasthéte (= aor. conj. pass. von peirasmoV = pe·irasmos) für Versuchung läßt sich durch das lateinische Wort: Experiment wiedergeben und würde im Zusammenhang so heißen: Ihr werdet Experimenten ausgesetzt sein. Warum Gott seine Getreuen oftmals solchen Experimenten oder Versuchungen im Leben aussetzt, erfahren wir durch den Apostel Petrus: Darüber freuet euch, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, auf daß euer Glaube rechtschaffen und viel köstlicher erfunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer bewährt wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. (1. Petr. 1, 6-7).

    Das Maß der Leiden ist genau bemessen, wie der Apostel Paulus bemerkte: Es hat euch noch keine denn menschliche Versuchung betroffen. Aber Gott ist getreu, der euch nicht läßt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr's könnet ertragen. (1. Kor. 10, 13).

    ... und werdet Trübsal haben zehn Tage. Diese im Sendschreiben an die Gemeinde zu Smyrna angekündigte Trübsalszeit war begrenzt, wie es hier heißt, auf "zehn Tage". Diese kurzzeitige Verfolgung könnte etwas mit der besonderen Situation am Ort zu tun haben, und wahrscheinlich hat es in Smyrna tatsächlich eine solche zehntägige Verfolgung gegeben, in deren Verlauf viele leiden und sterben mußten. Diese Bibelstelle hat aber auch noch eine weitreichendere Bedeutung, denn es ist interessant, daß gerade im Zeitraum der Gemeinde von Smyrna genau zehn Christenverfolgungen stattgefunden haben. Zwischen den Jahren 81 n. Chr., dem Jahr des Amtsantritts Kaiser Domitians, und 313 n. Chr., dem Jahr der Verkündigung des Toleranzedikts durch Kaiser Konstantin, haben zehn römische Kaiser die Christen im Römischen Reich verfolgt, manchmal mehr örtlich begrenzt, ein andermal in ihrem ganzen Herrschaftsgebiet. In dieser Zeit gab es über fünfzig römische Kaiser, die oft weniger als ein Jahr dieses Amt ausübten.

    Dächsel berichtete in seinem Bibelwerk, daß gerade zehn Christenverfolgungen stattgefunden hätten und "somit Smyrna der Typus der Märtyrerkirche der ersten Jahrhunderte" sei. Diese Verfolgungen fanden unter diesen zehn römischen Kaisern statt:

    1) Domitian (Titus Flavius Domitianus), geb. 24.10.51, Kaiser von 81-18.9.96 n. Chr. (nach der Überlieferung als grausamer Charakter geschildert, durch ihn viele Prozesse und etliche Hinrichtungen von Christen, wurde selbst ermordet),
    2) Traian (Marcus Ulpius Traianus), geb. 18.9.53, Kaiser von 98-8.8.117 n. Chr.,
    3) Mark Aurel (Marcus Aurelius Antonius), geb. 26.4.121, Kaiser von 161-17.3.180 n. Chr.,
    4) Septimius Severus (Lucius Septimius Severus), geb. 11.4.146, Kaiser von 193-4.2.211 n. Chr.,
    5) Maximinus Thrax (G. Julius Maximinus Thrax), geb. um 173 n. Chr., Kaiser von 235-Sommer 238 n. Chr. (von seinen eigenen Truppen wegen seiner Härte ermordet),
    6) Decius (Quintus Traianus Decius), geb. um 200 n. Chr., Kaiser von 249-Juni 251 n. Chr., in einer Schlacht gefallen (glaubte durch Ausrottung der Christen die römische Götterwelt zu versöhnen),
    7) Trebonianus Gallus (C. Vibius Treborianus Gallus), Kaiser von 251-253 n. Chr. (wurde bei einem Angriff der Goten von seinen eigenen Truppen erschlagen),
    8) Valerian (Publius Licinius Valerianus), geb. um 190 n. Chr., Kaiser von 253-260 n. Chr., starb in Gefangenschaft bei den Persern unter Schapur I.,
    9) Aurelian (Lucius Domitius Aurelianus), geb. 9.9.214, Kaiser von 270-275 n. Chr. (wurde ermordet),
    10) Diokletian (C. Aurelius Valerius Diocletianus), geb. um 240 n. Chr., Kaiser von 284-1.5.305 n. Chr., dankte ab (Christenverfolgung im gesamten Römischen Reich, Verhaftung der Gläubigen, Folterung bei Verweigerung des Kaiserkultes, Durchführung des Opferzwanges bei Strafen der Blendung, Zwangsarbeit und Tod).
    (Daten zur antiken Chronologie und Geschichte, Philipp Reclam jun., Stuttgart)

    Dann die Verheißung Jesu: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Jakobus sagte dazu: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. (Jak. 1, 12). Darin ist sicherlich auch eine Anspielung auf die "Krone von Smyrna" zu sehen, die sich auf den Ring öffentlicher Gebäude auf der Spitze des Hügels Pagos bezogen zu haben scheint. Zahlreiche Tempel befanden sich dort zu Ehren der Götter Kybele, Zeus, Apollos, Nemesis, Aphrodite und Asklepios. Der Reichtum und Luxus dieser "Krone von Smyrna" ist nicht zu vergleichen mit Wertschätzung der "Krone des Lebens", die Jesus seinen Getreuen dermaleinst verleihen wird.

    Um es noch etwas schöner mit den Worten eines Dichters auszudrücken:

    Überschwenglich ist der Lohn,
    Der bis in den Tod Getreuen.
    Die der Lust der Welt entfloh'n,
    Ihrem Heiland ganz sich weihen.

    Nun folgt wieder die dringende Aufforderung zum Hören auf den Heiligen Geist. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Jakobus ermahnt noch eindringlicher: Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrüget. (Jak. 1, 22).

    Zum Abschluß des Sendschreibens wieder eine herrliche Verheißung, besonders für die, die den Tod in der Verfolgung erlitten haben oder noch erleiden müssen: Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode. Der zweite oder andere Tod ist die ewige Trennung der Seele von Gott, wie der erste Tod die Trennung der Seele vom Leib ist. Diese Gottesferne in der Ewigkeit steigert sich bis zur äußersten Finsternis, ja zum Heulen und Zähneklappern. Es ist der Sündenlohn eines verfehlten Lebens, vor dem die Bibel ausdrücklich und eindringlich warnt.

    Bei der Auferstehung der Gläubigen heißt es in der Offenbarung: Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis daß die tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über solche hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. (Offb. 20, 5-6). Weiter steht dort über das Weltgericht: Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. (Offb. 20, 14). Dann noch eine Warnung: Der feigen Verleugner aber und Ungläubigen und Frevler und Totschläger und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und aller Lügner, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod. (Offb. 21, 8). Im Luthertext von 1914 heißt es in den oben zitierten Bibelstellen jedesmal "der andere Tod", anstatt der wörtlichen Übersetzung "der zweite Tod".

    Das Schlüsselwort: Sei bis in den Tod getreu!

    Die Dauer der Gemeinde zu Smyrna (Zeitraum): etwa von 170-313 n. Chr., also 143 Jahre.

    1. Als die wichtigsten kirchen- und weltgeschichtlichen Ereignisse während dieses Zeitabschnittes seien genannt:

    2.  

       

      a) Im Jahre 171 n. Chr. kamen sodann die Vandalenstämme der Hasdingen und Silingen aus Skandinavien und bedrohten die römische Provinz Dacia. Sie wurden allerdings an der oberen Theiß verdrängt und gerieten im neuen Siedlungsland der Karpaten in die Einflußsphäre der römischen Kultur.

      b) Im Jahre 178 n. Chr. starb in Alexandria der ägyptische Astronom, Geograph und Mathematiker Claudius Ptolemäus (Ptolemaeus), der in Ptolemais um 100 n. Chr. geboren wurde. Das nach ihm benannte geozentrische Weltbild sah die Erde als eine Scheibe im Mittelpunkt des Sonnensystems. Er verfaßte die "Geographica" und die "Syntaxis mathematica" und errechnete darin die Unterlagen für eine 140 n. Chr. gezeichnete Erdkarte mit bereits rund 8 000 geographischen Ortsnamen. Seine Lehre wurde allerdings durch Nikolaus Kopernikus widerlegt.

      c) Im Jahre 189 n. Chr. gewann der Bischofssitz in Rom unter Victor I., Bischof von Rom, mehr und mehr an Vorrangstellung unter den Bistümern.

      d) Im Jahre 190 n. Chr. verfaßte dann der Kirchenvater Clemens oder Klemens, Bischof von Alexandria, griechischer Theologe, seine wichtige Schrift: "Ermahnungsrede an die Helenen", eine philosophische Einführung in das Christentum.

      e) Im Jahre 195 n. Chr. entstand die "Itala", die erste lateinische Bibelübersetzung.

      f) Im Jahre 200 n. Chr. begründeten dann griechische Theologen, wie Bischof Clemens von Alexandria und Origines, genannt Adamantios (185-254 n. Chr.) aus Alexandria und eine kirchliche Lehre, die die christliche Frömmigkeit mit der griechischen Philosophie verbindet.

      g) Im Jahre 257 n. Chr. starben bei Christenverfolgungen im gesamten Römischen Reich die Bischöfe von Rom, Karthago und Paris, Sixtus II., Cyprianus und Dionysios den Märtyrertod.

      h) Im Jahre 276 n. Chr. wurde Mani gekreuzigt, der Begründer des Manichäismus, einer Verschmelzung der christlichen Lehre mit der des Zarathustra (Lichtreligion).

      i) im Jahre 296 n. Chr. starb Menas, ein christlicher Einsiedler und Gründer des Mönchtums, den Märtyrertod.

      j) Im Jahre 311 n Chr. wurde durch das Edikt des Galerius (Galerius Valerius Maximianus), römischer Kaiser (um 250-Mai 311 n. Chr.), erstmals der Gott der Christen als den Heidengöttern zumindest gleichstehend anerkannt.

      k) Im Jahre 313 n. Chr. verkündete Konstantin I., der Große, (Flavius Valerius Constantinus), römischer Kaiser (27.2.280 ? -22.5.337), durch das Edikt von Mailand, das Toleranzedikt, die Glaubensfreiheit der Christen. Er erkannte das Christentum als gleichberechtigte Religion im Reich an und gewährte so der Kirche neben den anderen Gottheiten kaiserlichen Schutz. Da er alsdann das Christentum zur "Religio licita", zur "erlaubten Religion" erhoben hatte, waren aus den bisher Verfolgten plötzlich die nun offiziell Geehrten geworden. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Machtmittel des Staates den Kirchenführern zur Verfügung standen, um ihre eigenen Bestimmungen durchzusetzen. Für die schriftgemäßen Gemeinden änderte sich daher wenig, denn sie wurden wieder oder weiterhin verfolgt, allerdings jetzt nicht mehr vom Römischen Reich, sondern von der Einrichtung, die sich anmaßte, die christliche Kirche zu sein. - Während der Vorbereitung eines Feldzuges gegen die Perser starb Konstantin an Pfingsten (22.5.) 337 n. Chr., nachdem er sich kurz vorher auf dem Sterbebett anscheinend noch hatte taufen lassen. Als er daraufhin von den Kirchenführern zum Vorbild eines christlichen Herrschers gemacht wurde, entfaltete sich das Christentum bald zur Staatsreligion.

      Der bedeutende Theologe und Gotteszeuge Hilarius, Bischof von Poitiers (315-367 n. Chr.), der eine Schrift: "De trinitate", lateinisch: "Von der Dreieinigkeit" verfaßte, erhob gegen die staatskirchliche Entwicklung einen flammenden Protest: "Die Räuber sind eingebrochen - der Satansengel hat sich in einen Lichtesengel verkleidet - Konstantin, der Wolf in Schafskleidern - er baut die Kirchen auf und den Glauben ab!" Hilarius wurde von Kaiser Konstantin und seinen Nachfolgern verfolgt und verbannt; er starb im Jahre 367 n. Chr., treu im Glauben an seinen Herrn.

      Mit dem Eindringen des Heidentums in die Gemeinden durch die Staatsreligion war sodann auch die abergläubische Vorstellung verbunden, daß z. B. Taufe und Abendmahl "ex opere operato" wirksam seien, das heißt: der bloße Vollzug und Zeremonialakt vermittelten mystische Verwandlung und Neugeburt, Absolution, Reinigung und Rettung. Aus dem Glauben an Jesus, der doch auf das Unsichtbare sieht, wurde mehr und mehr der Glaube an Sakrament, Kleriker und Kirche. - Nicht umsonst schrieb damals der Apostel Paulus: Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Kor. 4, 17).

      Im 3. Jahrhundert wurde Cyprian (Thasicus Caecilius Cyprianus), Kirchenvater (200-14.9.258 n. Chr.), als erster "papa" (= Vater) genannt; von diesem Wort ist der Titel "Papst" abgeleitet, der sich jedoch stolz "Heiliger Vater" nennen läßt. Cyprian, im Jahre 246 n. Chr. zum Christentum bekehrt, seit 248 n. Chr. Bischof von Karthago, starb 258 n. Chr. als Märtyrer unter Kaiser Valerian. Cyprian ist zudem noch bekannt geworden durch seine Schrift: "De ecclesiae unitate" (lat., "Von der Einheit der Kirche"), in der er den Primat des römischen Bischofs anerkannte, allerdings im Sinne des Primus inter pares (lat., Erster unter Gleichen).
       
       

Das dritte Sendschreiben wendet sich alsdann an die Gemeinde zu Pergamon:

Und dem Engel der Gemeinde zu Pergamon schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert: Ich weiß, wo du wohnst: da des Satans Thron ist; und hältst an meinem Namen und hast den Glauben an mich nicht verleugnet auch in den Tagen, in denen Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, wo der Satan wohnt. Aber ich habe ein Kleines wider dich, daß du daselbst hast, die an der Lehre Bileams halten, welcher den Balak lehrte, zu verführen die Kinder Israel, daß sie Götzenopfer aßen und Unzucht trieben. So hast du auch solche, die in gleicher Weise an der Lehre der Nikolaiten halten. Tue Buße; wo aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und mit ihnen streiten durch das Schwert meines Mundes. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich geben von dem verborgenen Manna und will ihm geben einen weißen Stein; auf dem Stein aber steht ein neuer Name geschrieben, welchen niemand kennt, als der ihn empfängt. (Offb. 2, 12-17).

  1. Pergamon = Pergamon heißt nun wörtlich übersetzt: per (= per) = durch und gamos (= gamoV) = Heirat - durch Heirat. Pergamon wird ebenso als Burg oder Feste bezeichnet, manche übersetzen den Namen mit "Hochburg", so denn auch Abraham Meister (Biblisches Namen-Lexikon). An anderer Stelle wird uns allerdings gesagt, Pergamon sei angeblich benannt nach Pergamos, einem Enkel des Achilleus oder Achilles. Der Überlieferung nach wurde dieser von seiner Mutter durch Feuer bis auf die Ferse unverwundbar gemacht, daher: Achillesferse = die empfindliche Stelle. Die Unterstadt von Pergamon lag an der Stelle des heutigen Bergama, das eine Kleinstadt von ungefähr 35 000 Einwohnern ist und ebenfalls in der Türkei liegt. Dort ist auch heute noch eine Goldmine in Betrieb, was allerdings sonst nirgendwo in der Geschichte der Stadt besonders erwähnt wurde.

  2.  

     

    Pergamon war eine Festung und Stadt in der Kaikosebene im nordwestlichen Teil von Kleinasien. Die geographische Lage ist: 80 km nördlich von Smyrna, also ca. 135 km nördlich von Ephesus und etwa 25 km landeinwärts vom Ägäischen Meer. Seinerzeit war dieses Gebiet auch noch bekannt als die Küste der Aeolis (griechisch: aioliV = aiolis). So nannte man ursprünglich diese früher griechische Landschaft an der ägäischen Küste Kleinasiens, nebst den vorgelagerten Inseln, insbesondere Lesbos. Das Meer dort an dieser Küste ist heute jedoch sehr verschmutzt, verursacht durch die vielen Industriebetriebe, die sich inzwischen in dieser Gegend der Türkei befinden.

    Als Handelsstadt wurde Pergamon damals jedoch von Ephesus überflügelt. Im Jahre 713 n. Chr. wurde die Stadt von den Arabern zerstört, von Byzanz dann zwar wieder aufgebaut, blieb aber fortan bedeutungslos. Seit dem Jahre 1330 n. Chr. ist Pergamon in osmanischer bzw. türkischer Hand.

    Die Vorgeschichte der Stadt ist im einzelnen kaum bekannt. Die eigentliche Blütezeit von Pergamon war die nur 150-jährige Geschichte als selbständige Macht unter dem Herrschergeschlecht der Attaliden. Diese Epoche begann im Jahre 283 v. Chr. mit der Gründung des selbständigen Königreiches Pergamon (des Pergamenischen Reiches) und endete im Jahre 133 v. Chr. mit der Übernahme dieses Reiches durch die Römer.

    Unter Philhetairos (= jilhtairoV) oder Philatärus, der von 283-263 v. Chr. als erster König in Pergamon herrschte, erlangte der pergamenische Staat durch die geschickte Ausnutzung der sogenannten Diadochenkriege zwischen Lysimachos, einem der vier Diadochen (eine griechische Bezeichnung für: Nachfolger durch Übernahme - von Alexander dem Großen) und Seleukos I. Nikator (= Sieger), einem anderen Diadochen, seine staatliche Unabhängigkeit.

    Pergamon wurde als Festung im Jahre 283 v. Chr. von Lysimachos dazu benutzt, seine Kriegsbeute oder Kronschatz dort zu deponieren, den er zur Bewahrung Philhetairos, dem Sohn des Attalos von Tios, anvertraute und mit der Festung übergab. Hierbei ist allerdings der Name Philhetairos sehr aufschlußreich. Philhetairos heißt "Freundesliebe" und ist eine Zusammensetzung der beiden griechischen Worte: jiloV = philos (= Liebe) und: htairoV = hetairos (= Kamerad oder Freund). Der so mit der Bewachung der Festung von Pergamon beauftragte Philhetairos wurde dann jedoch durch den tödlichen Haß seiner Frau Arsinoe alsbald zum Abfall von Lysimachos veranlaßt. Mit der so erfolgten unrechtmäßigen Inbesitznahme von dessen Kriegsschatz während der Diadochenkriege gründete Philhetairos dann noch im selben Jahre auf dieser für ihn im Grunde genommen herrenlosen Basis, wie er sie betrachtete, das Pergamenische Reich.

    Nach Philhetairos, der bis 263 v. Chr. lebte, herrschten noch weitere fünf Könige in den angegebenen Zeitabschnitten: Eumenes I., Neffe des Philhetairos, von 263-241 v. Chr., Attalus oder Attalos I. Soter (= Heiland), von 241-197 v. Chr., Eumenes II., von 197-159 v. Chr., Attalos II. Philadelphos (= Bruderliebe), von 159-138 v. Chr., und Attalos III. Philometor (= Mutterliebe), von 138-133 v. Chr., der dann der letzte war von den sechs selbständigen Herrschern von Pergamon. Auch hier sollte sich das bekannte Sprichwort bewahrheiten: Unrecht Gut gedeihet nicht! Man achte deshalb in diesem Zusammenhang wiederum auf die Zahl sechs.

    Nach dem römischen Schriftsteller Secundus Plinius, dem Älteren (Gaius Plinius Secundus), Historiker (um 23-24.8.79 n. Chr.), hat König Eumenes II., der von 197-159 v. Chr. herrschte, daselbst die Herstellung des nach Pergamon benannten Pergaments gefördert. Es handelte sich dabei um geschlagene und geglättete Tierhaut als Beschreibstoff, griechisch: dijtera = diphtera, lateinisch: membrana = Häutchen genannt, das allerdings seinen Namen lediglich durch den Konkurrenzkampf der Bibliotheken von Pergamon und Alexandria bekam. Diese Rivalitäten waren dann wiederum eine Folge der sogenannten Diadochenkriege, in denen sich die Nachfolger Alexanders des Großen stritten, um einen möglichst großen Teil von dessen Erbe zu bekommen. Diese Wandlung eines Stadtnamens zur Sachbezeichnung ist geschichtlich durchaus bemerkenswert.

    Die frühesten datierten Pergamentfunde stammen zwar aus Babylonien und gehören in den Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr., jedoch wurde die Pergament-Herstellung um das Jahr 180 v. Chr. in Pergamon erfunden und diente dort zunächst dem Eigenbedarf der pergamenischen Bibliothek. Mit diesem Produkt wurde erstmals die ägyptische Monopolstellung in der Papyros- oder Papyrus-Erzeugung gebrochen. Als die Ptolemäer in Ägypten, ein anderes Diadochenreich zu der Zeit, ein Papyrus-Embargo für Pergamon verhängten, besannen sich nun die pergamenischen Bibliothekare auf das Pergament, das sich dann auch als entschieden solider und dauerhafter erwies. Durch das Papyrus-Exportverbot sollte nämlich der Aufbau der pergamenischen Bibliothek behindert werden.

    Das einfache Enthaaren der in Kalkwasser vorgeweichten Tierhaut, Abschaben des Bindegewebes bis zur Epidermis, Glätten und Trocknen ist die einfachste Lederkonservierung ohne chemischen Gerbvorgang. Die Haarseite blieb etwas rauh und wurde gelb, die Fleischseite war weiß und glatt; frische Schrift ist löschbar, alte nur mit Bimsstein abzureiben.

    Damals wurden aus Pergament zunächst Schriftrollen hergestellt, sodann später von den Römern auch Seiten davon zu Büchern gebunden. Für Luxusausgaben verwendete man Pergament, für einfache Papyrus, bis zur Erfindung des Papiers. Die Pergament-Handschrift gestattete auch die Illustration, die sehr dauerhaft war. Das verbreitetste Schreibmaterial in neutestamentlicher Zeit war aber zweifellos Papyrus. Pergament wird in der Bibel nur einmal erwähnt, und zwar von Paulus in seinem zweiten Brief an Timotheus: Den Mantel, den ich zu Troas ließ bei Karpus, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, sonderlich die Pergamente. (2. Tim. 4, 13).

    Das sogenannte Attalidenreich von Pergamon, genannt nach den Königen Attalus oder Attalos, das sich mit kluger Politik und im Gedanken an das hellenische Erbe gegen die stark orientalisierten Diadochenreiche entwickelte, war lange Zeit neben Athen ein maßgebender Exponent des hellenistischen Geistes und deshalb geistig wohl der einzig rechtmäßige Erbe des Königs Alexander des Großen. Wie bereits erwähnt, wurde Alexander III., der Große, im Jahre 356 v. Chr. geboren und starb am 13.6.323 v. Chr. in Babylon.

    Der Nachfolger von Philhetairos, sein Neffe Eumenes I., der dann von 263-241 v. Chr. König von Pergamon war, erweiterte das Pergamenische Reich bis zur Küste und zum Idagebirge (bei Troja). Attalos oder Attalus I. Soter (= Heiland), der von 241-197 v. Chr. herrschte, war ein Verbündeter der Römer, kämpfte erfolgreich gegen die Galater, verlor aber Teile seines Reiches an die Seleukiden. Dieser Herrscher legte zu seiner Zeit als erster eine private Kunst-Sammlung an und stiftete außerdem noch zahlreiche Weihegeschenke für die Tempel.

    Unter dessen unmittelbarem Nachfolger, dem König Eumenes II. Soter (= Heiland), der von 197-159 v. Chr. herrschte, erlebte Pergamon seine höchste Blüte in Wissenschaft (Medizin) und Kunst (pergamenischer Barock). Gerade zu dieser Zeit durfte die Stadt auch den Anspruch erheben, die Kultur der Griechen zu wahren und zu erneuern. Dieser König dehnte außerdem seinen Herrschaftsbereich bis an das Taurus-Gebirge aus und schmückte Pergamon mit großartigen Bauten. Hierzu zählen insbesondere die bereits oben erwähnte Bibliothek und das Asklepieion, der Tempel des Asklepios. Dadurch wurde die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes eine Hochburg der Medizin.

    In den Jahren 180-160 v. Chr. wurden in Pergamon durch den König Eumenes II. Soter (= Heiland) folgende Bauwerke errichtet: Der gewaltige Zeusaltar (ca. 36 x 34 m) aus schneeweißem Marmor, der sich jetzt in den Staatlichen Museen zu Berlin befindet (1945 nach Moskau verbracht, 1958 zurückgegeben), sowie der Tempel der Pallas Athene, als auch eine neue Stadtmauer. Außerdem befand sich dort die berühmte, von rhodischen Bildhauern um 50 v. Chr. aus Marmor geschaffene Laokoon-Gruppe, die heute im Belvedere des Vatikan aufbewahrt wird. Laokoon ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Dieser soll demzufolge ein trojanischer Apollonpriester gewesen sein, der dann seine Landsleute vor dem hölzernen Pferd der Griechen ("Geschenk der Danaer") gewarnt hatte und deswegen mit seine Söhnen von zwei Schlangen erwürgt wurde. Bei dieser Laokoon-Gruppe handelt es sich um eine plastische Marmordarstellung der rhodischen Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros, die im Jahre 1506 n. Chr. in Rom wieder aufgefunden wurde. Winckelmann, Lessing und Goethe entwickelten an ihr kunsttheoretische Überlegungen, die ganz interessant sind.

    Attalos oder Attalus III. Philometor (= Mutterliebe), König von 138-133 v. Chr., setzte 133 v. Chr. in seinem Testament die Römer als Erben des Königreiches von Pergamon ein, unter der Bedingung, daß die Griechenstädte frei blieben. Dieses Testament wurde jedoch besonders von Aristonikos, einem unehelichen Sohn des Eumenes II. Soter (= Heiland), daher ein Halbbruder des Attalos III., als Fälschung bezeichnet. Aus diesem Grunde setzte er sich im Jahre 132 v. Chr. an die Spitze eines größeren Aufstandes und hinderte so die Römer zunächst, die ihnen überaus willkommene Erbschaft des nun herrscherlosen Pergamenischen Reiches anzutreten.

    Durch eine Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung, der sich Sklaven, Freigelassene und vornehmlich Teile der Landbevölkerung anschlossen, wollte Aristonikos einen gerechten sozialen Staat begründen, dessen Bürger er nach dem orientalischen Symbol der Gerechtigkeit, der Sonne (= Helios), Heliopoliten (= Bürger des Sonnenstaates) nannte. Die oft geäußerte Anlehnung an einen utopischen Roman des Iambulos scheint nicht erwiesen zu sein. Wir werden jedoch hierbei an den Tag des Herrn und das bald kommende Tausendjährige Friedensreich erinnert, das der Prophet Maleachi (um 500 v. Chr.) schon im Alten Testament dem Volke Israel mit diesen Worten ankündigte: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. (Mal. 3, 20).

    Von der sozialen Zielsetzung dieser Bewegung fühlten sich auch die Sklavenhalter in den angrenzenden Ländern bedroht, so daß sie den Römern beim Kampf gegen den von Aristonikos geführten Aufstand halfen. Auch die für frei erklärten Griechenstädte bekämpften diese Bewegung aus Furcht vor Sklavenunruhen. Aristonikos und seinen Anhängern gelang es jedoch, im Jahre 131 v. Chr. den römischen Konsul P. Licinius Crassus in einem schweren Kampf vernichtend zu schlagen. Erst im folgenden Jahre unterlagen die geschwächten Aufständischen dem Konsul L. Cornelius Perperna. Der Anführer der Bewegung überlebte zunächst die totale Niederlage durch die Römer. Aristonikos geriet in römische Gefangenschaft und wurde schließlich in Rom hingerichtet (wohl erdrosselt).

    Pergamon wurde dann im Jahre 129 v. Chr. die Hauptstadt der römischen Provinz Asia (= Kleinasien) und erhielt damit bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. die Residenz des römischen Procurators (= Statthalter einer kleineren Provinz). Zur Zeit des Apostels Johannes, am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., als er dieses Sendschreiben niederschrieb, was das demnach der Fall, wie wir noch bei der Betrachtung des 3. Punktes sehen werden.

    Pergamon war auch das Zentrum der klassischen Bildung. Zu den Bildungsstätten zählte die Bibliothek, eine der größten der damaligen Welt, die sich durchaus mit der von Alexandria messen konnte, dann ein kolossales Theater, sowie eine Hochschule für Medizin, das Asklepieion. Von dem berühmten Bibliotheksbau, der bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. rund 200 000 Schriftrollen umfaßte, sind noch viele Reste erhalten. Die griechische Bildhauerkunst hatte dort ihre höchste Reife erreicht. Die Bauten von Pergamon gehören zu den wichtigsten Zeugnissen hellenistischer Kultur.

    Pergamon war aber nicht nur das kulturelle, sondern auch das religiöse Zentrum Kleinasiens, ja, des ganzen Römischen Reiches überhaupt. Denn wie in Smyrna, so herrschte in gleicher Weise auch hier der Götter- und Kaiserkult. Die riesigen Kultstätten wurden auf dem 300 Meter hohen terrassierten Burgberg (griechisch: akrwpwliV = akropolis = Hochstadt) erbaut, so daß sich dort damals Tempel an Tempel reihte, deren Überreste teilweise heute noch zu sehen sind. Diese waren zudem allen möglichen babylonischen, griechischen, ägyptischen und römischen Gottheiten geweiht, so z. B. auch der Tempel des Kaisers Augustus, der im Jahre 29 v. Chr. an dieser Stelle errichtet wurde. Ganz oben auf dem Gipfel dieses erhabenen Berges, über allen anderen Tempeln, befand sich der Tempel des römischen Kaisers Traian oder Trajan, der von 53-117 n. Chr. lebte. Dieses gewaltige Heiligtum war der religiösen Würde des römischen Kaisers als "Pontifex Maximus" (= "oberster Brückenbauer" zu Gott) gewidmet, des obersten Priesters der ganzen Ökumene und über alle Religionen, der selbst göttliche Verehrung verlangte und genoß.

    Daneben besaß die Stadt ein Heiligtum des Asklepios Soter, im Südwesten von Pergamon gelegen, das Asklepieion (seit dem 4. Jahrhundert v. Chr.), zu dem eine heilige Straße führte. Für die damalige Kulturwelt hatte aber dieser Tempel eine ganz besondere Bedeutung. Äskulap (griechisch: asklepioV = asklepios) war antiker Gott der Heilkunst, der bei den Römern Aesculapius genannt wurde, daher stammt der bei uns geläufigere Name: Äskulap. Nach den überlieferten Schilderungen der Heiden soll er sogar eine Ähnlichkeit mit Jesus gehabt haben. Der Beiname "Soter" bedeutet "Heiland", was sehr interessant ist, wenn man diesen Titel anhand der Bibel prüft. Auch wie es zu diesem Äskulapkult kam, ist meist wenig bekannt und deshalb gewiß erwähnenswert. Der Apostel Johannes bestätigte erfahrungsgemäß in seinem ersten Brief: Und wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat zum Heiland der Welt. Wer nun bekennt, daß Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. (1. Joh. 4, 14-15).

    Der griechischen Sage nach wurde Äskulap von Zeus mit einem Blitz in die Unterwelt geschleudert, als er seine Wunderheilungen an Toten versuchte. Trotzdem, oder sogar gerade deswegen, schrieb man ihm wunderbare Heilungen zu. Das Heilssymbol des Äskulap war die Schlange, darum wurden in seinem Tempel auch lebendige Schlangen gehalten und diese dann selbstverständlich inbrünstig verehrt. Heute noch kommt in Kleinasien die Äskulapnatter vor, eine bis 2 m lange, nicht giftig